{"id":1463,"date":"2016-08-21T12:50:02","date_gmt":"2016-08-21T10:50:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=1463"},"modified":"2016-08-21T17:42:02","modified_gmt":"2016-08-21T15:42:02","slug":"erinnerung-an-pfarrer-oskar-bruesewitz-der-vorbote-des-systemwechsels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2016\/08\/21\/erinnerung-an-pfarrer-oskar-bruesewitz-der-vorbote-des-systemwechsels\/","title":{"rendered":"Erinnerung an Pfarrer Oskar Br\u00fcsewitz: Der Vorbote des Systemwechsels"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p><i>Titelfoto:<\/i> Montagsdemonstration am Karl-Marx-Platz in Leipzig, 16. Oktober 1989.<br \/>\n<em>Fotograf:<\/em> Friedrich Gahlbeck |\u00a0<span class=\"licensetpl_attr\">Bundesarchiv, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0922-002,_Leipzig,_Montagsdemonstration.jpg\" target=\"_blank\">Bild 183-1990-0922-002<\/a><\/span> | <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/\" target=\"_blank\">CC BY-SA 3.0<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Vier Tage rang er um sein Leben, doch die Verbrennungen waren letztendlich zu schwer. Am 22. August 1976 starb der evangelische Pfarrer Oskar Br\u00fcsewitz in einem Krankenhaus. Die Machthaber_innen der SED werden ihn sp\u00e4ter als Geisteskranken denunzieren lassen.<\/p>\n<p>Das <em>\u201eFanal von Zeitz\u201c<\/em> spielte sich zuvor an einem Mittwochvormittag ab. Pfarrer Br\u00fcsewitz stellte zwei Plakate auf sein Auto, das gegen\u00fcber der Michaeliskirche stand. Darauf war zu lesen: <em>&#8220;Funkspruch an alle: Die Kirche der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdr\u00fcckung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.\u201c<\/em> Dann goss er Benzin \u00fcber seinen Talar und z\u00fcndete sich an.<\/p>\n<p>Die Staatsorgane der DDR versuchten zun\u00e4chst, den Vorfall geheim zu halten. Als dieses Vorhaben misslang, wurde Br\u00fcsewitz in der Presse als ein <em>\u201eabnormal und krankhaft veranlagter Mensch\u201c<\/em> bezeichnet, <em>\u201eder oft unter Wahnvorstellungen litt\u201c<\/em>. Zudem wurde westlichen Nachrichtenagenturen unterstellt, <em>\u201ediesen Selbstmordversuch zu einer verleumderischen Hetze gegen die DDR\u201c<\/em> auszunutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1472 aligncenter\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ddr-grenze.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1280\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ddr-grenze.jpg 1920w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ddr-grenze-300x200.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ddr-grenze-768x512.jpg 768w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ddr-grenze-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ddr-grenze-1170x780.jpg 1170w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ddr-grenze-585x390.jpg 585w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/ddr-grenze-440x293.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><em>Zeit der Unfreiheit: &#8220;Die Kirche der DDR klagt den Kommunismus an!&#8221; [<a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/grenze-stacheldraht-ddr-deutsch-277462\/\" target=\"_blank\">Public Domain<\/a>]<\/em><\/p>\n<p>Die Selbstverbrennung war entgegen der DDR-Propaganda der letzte Protestakt eines Mannes, der sich mit der Diktatur der SED nicht abfinden und ein Zeichen gegen die kommunistische Bildungspolitik setzen wollte. Br\u00fcsewitz litt auch darunter, wie sich seine Kirche mit den Machthaber_innen arrangierte. F\u00fcr ihn war dies nie eine Option:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSo installierte er auf seinem Kirchturm ein drei Meter hohes Kreuz aus Neonr\u00f6hren, das bei Dunkelheit von weitem zu sehen war. Auch mit Plakaten forderte er die Staatsmacht heraus: Als diese an der Dorfschule \u201a25 Jahre DDR\u2018 bejubelte, konterte er gegen\u00fcber auf dem Kirchengel\u00e4nde mit der Aufschrift \u201a2000 Jahre Kirche Jesu Christi\u2018. Auf die Parole \u201aOhne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein\u2018 antwortete er mit der Losung \u201aOhne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott\u2018, die er auf einem Pferdefuhrwerk durch Zeitz fuhr.\u201c <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrend dieser Protestaktionen f\u00fchlte sich der Pfarrer von seiner Kirche oft im Stich gelassen. Sie half auch nicht, als das DDR-Regime seine Abl\u00f6sung forderte. Im Gegenteil: Im Juli 1976 wurde im nahegelegt, die Pfarrstelle zu wechseln. Vielleicht war dies der entscheidende Ansto\u00df zu seinem letzten Protest.<\/p>\n<p>Sein Opfer war so unfassbar tragisch wie wichtig. Das Begr\u00e4bnis glich einer Demonstration. Menschen, die wie Br\u00fcsewitz dachten, solidarisierten sich mit ihm. Seine Kirche \u2013 die zuletzt nicht mehr wirklich seine Kirche war \u2013 sah sich gezwungen, ihr Verh\u00e4ltnis zum DDR-Sozialismus zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<p>Die im Jahr 1971 aufgestellte Formel <em>\u201eKirche im Sozialismus\u201c<\/em> wurde immer mehr infrage gestellt. F\u00fcr oppositionelle Gruppen war die evangelische Kirche in den 1980 Jahren daher zum Zufluchtsort geworden, auch f\u00fcr Nichtchristen. Die Kirchengemeinde wurde so zur Keimzelle der friedlichen Revolution, wie der DDR-Oppositionelle Ehrhart Neubert berichtete:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die Oppositionellen haben begriffen, dass sie nicht mit Strategien und Ideen, die weit au\u00dferhalb der Kirche lagen, das in die Kirche implantieren konnten, sondern es gab eine Verschmelzung von politischen Anliegen und geistlichen Dingen oder einer politischen Spiritualit\u00e4t, die entstand, etwa sichtbar in den Friedensgebeten, die die ganzen 80er-Jahre \u00fcber existierten.&#8221; <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>In Leipzig begannen die Friedensgebete bereits im Jahr 1982. Als sich im Sommer 1988 der staatliche Druck erh\u00f6hte, war es den Initiator_innen nicht mehr m\u00f6glich, die Friedensgebete frei zu gestalten. Tumulte im Publikum und erste kleinere Demonstrationen waren die Folge. Die sich daraus entwickelten Montagsdemonstrationen gaben letztendlich den entscheidenden Ansto\u00df f\u00fcr den nahenden Umsturz. Den eigentlichen Ausgangspunkt daf\u00fcr hatte aber ein mutiger Pfarrer gelegt, der heute leider viel zu sehr in Vergessenheit geraten ist.<\/p>\n<p><em>Quellen:<\/em><br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Domradio.de [<a href=\"http:\/\/www.domradio.de\/themen\/%C3%B6kumene\/2016-08-18\/vor-40-jahren-verbrannte-sich-pfarrer-oskar-bruesewitz\" target=\"_blank\">Link \u00f6ffnen<\/a>]<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Deutschlandradio Kultur [<a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/die-rolle-der-kirche-im-sozialismus.1278.de.html?dram:article_id=192448\" target=\"_blank\">Link \u00f6ffnen<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Titelfoto: Montagsdemonstration am Karl-Marx-Platz in Leipzig, 16. Oktober 1989. 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