{"id":1732,"date":"2016-09-18T11:48:53","date_gmt":"2016-09-18T09:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=1732"},"modified":"2016-09-19T11:42:59","modified_gmt":"2016-09-19T09:42:59","slug":"karl-reinthaler-dagegenhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2016\/09\/18\/karl-reinthaler-dagegenhalten\/","title":{"rendered":"Karl Reinthaler: Dagegenhalten"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p>Die <em>\u201cHitler-Reden\u201d<\/em> im Radio verschlugen ihm die Sprache und nahmen ihm den Appetit. In der Saalfeldener Bahnhofsrestauration wurde der Lokf\u00fchrer Karl Reinthaler (* 18. September 1913 in Villach; \u2020 1. August 2000 in Saalfelden) dabei beobachtet, wie er bei NS-Propagandareden aus Protest zu Essen aufh\u00f6rte. Schlie\u00dflich denunzierte ihn die Wirtin, auch weil er sich wiederholt kritisch gegen\u00fcber dem Nationalsozialismus \u00e4u\u00dferte.<\/p>\n<p>Ausschlaggebend f\u00fcr seine Verhaftung im Fr\u00fchjahr 1942 waren jedoch Spenden an\u00a0die <em>\u201eRote Hilfe\u201c<\/em>. Als er einer in Not geratenen Kioskfrau Geld und Lebensmittel zukommen lassen wollte, wurde er abermals denunziert und zu einer sechsj\u00e4hrigen Zuchthausstrafe in Amberg sowie zu Ehrverlust verurteilt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWer nicht mittat, wurde zum Gegner. Also musste ich ein solcher werden.\u201c Karl Reinthaler<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Transport nach Amberg erfolgte \u00fcber die beiden Stationen Regensburg und Straubing. Die Gefangenen wurden in umgebaute Personenwagen gepfercht, die Zeit f\u00fcr den Gang zur Toilette war reglementiert und kaum zu schaffen, die Fenster waren mit Blech verschlagen und nur durch einen Trichter konnte Luft ins Abteil str\u00f6men.<br \/>\nAmberg galt als Lager f\u00fcr politische H\u00e4ftlinge. In den Anfangsjahren des Nationalsozialismus wurde es noch vom Gef\u00e4ngnispersonal aus der Weimarer Republik gef\u00fchrt. Sp\u00e4ter \u00fcbernahmen SS- und SA-M\u00e4nner den Dienst. Ab 1938 wurden in diesem Lager auch ausl\u00e4ndische Widerstandsk\u00e4mpfer inhaftiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1735 aligncenter\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zuchthaus-amberg.jpg\" alt=\"karl-reinthaler_zuchthaus-amberg\" width=\"600\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zuchthaus-amberg.jpg 600w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zuchthaus-amberg-300x170.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zuchthaus-amberg-440x249.jpg 440w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zuchthaus-amberg-585x332.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><em>Karl Reinthaler (stehend, rechts) im Zuchthaus von Amberg. [Foto: Privat\/<a href=\"http:\/\/www.dagegenhalten.at\" target=\"_blank\">Dagegenhalten.at<\/a>]<\/em><\/p>\n<p>Dann begann der \u00dcberlebenskampf. Hunger, Schl\u00e4ge und Schikanen wurden zu t\u00e4glichen Begleitern. Doch es gab auch rettende Augenblicke, die \u00fcberraschender nicht h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. So wurde Karl\u00a0eines Tages \u2013 halb verhungert und am Ende seiner Kr\u00e4fte \u2013 von einer Lagerwache in den Schweinestall gesperrt. Rasch erkannte er, warum dieser das tat: Dort konnte er sich mit frisch gekochten Kartoffeln, die f\u00fcr die Schweine vorgesehen waren, satt essen.<\/p>\n<p>Das Unternehmen Carl Zeiss geh\u00f6rte im NS-Staat zu den wichtigsten Produzenten von r\u00fcstungs- und kriegsrelevanten Optiken und besch\u00e4ftigte Tausende von ZwangsarbeiterInnen. Auch in Amberg wurden H\u00e4ftlinge rekrutiert, darunter Karl Reinthaler als Werkzeugmacher. Als er sich beim Schleifen eines Werkst\u00fcckes eine Augenverletzung zuzog, erm\u00f6glichte sein Abteilungsleiter eine \u00e4rztliche Behandlung. In der Ordination steckte ihm eine junge Arzthelferin bei jedem Besuch heimlich eine Wurstsemmel zu. Sie ging als <em>\u201cSchutzengel von Amberg\u201d<\/em> in seine pers\u00f6nliche Lebensgeschichte ein.<\/p>\n<blockquote><p>\u201cSollte ich das Zuchthaus \u00fcberleben, werde ich in weiterer Folge mein Leben der Allgemeinheit widmen.&#8221; Karl Reinthaler<\/p><\/blockquote>\n<p>Von den Entbehrungen gezeichnet, kehrte Karl Reinthaler kurz nach Kriegsende nach Saalfelden zur\u00fcck. Am Bahnhof traf er jenen Mann, der ihn Jahre zuvor an die Gestapo verraten hatte. <em>\u201cKarl, wie ist es dir ergangen?\u201d<\/em>, fragte dieser. Revanche kam ihm aber nie in den Sinn, im Gegenteil. Vielmehr wollte er f\u00fcr die Allgemeinheit Positives bewirken. Bereits in Amberg hatte Karl\u00a0sich das geschworen. Damals, mehr tot als lebendig. Und er hielt Wort.<br \/>\nSo wurde Karl Reinthaler\u00a01945 in den Saalfeldener Gemeindevorstand sowie in den Salzburger Landtag gew\u00e4hlt. Schwerer Rheumatismus zwang ihn jedoch, sein Mandat\u00a0als Landtagsabgeordneter bereits 1948 wieder zur\u00fcckzulegen. Es folgten sechzehn Jahre als Fraktionsobmann der SP\u00d6 und acht Jahre als Vizeb\u00fcrgermeister von Saalfelden, in denen er als Rechts- und Schulreferent auf sich aufmerksam machen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1736 aligncenter\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_salzburger-landtag.jpg\" alt=\"karl-reinthaler_salzburger-landtag\" width=\"600\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_salzburger-landtag.jpg 600w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_salzburger-landtag-300x170.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_salzburger-landtag-440x249.jpg 440w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_salzburger-landtag-585x332.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><em>Karl Reinthaler (3. Reihe, 4. v. r.) als Abgeordneter im Salzburger Landtag. [Foto: <a href=\"http:\/\/steinocher-archiv.at\/\" target=\"_blank\">Steinocher-Archiv<\/a>]<\/em><\/p>\n<p>1972 begann sein <em>\u201cdichtester Lebensabschnitt\u201d<\/em>: Er folgte Adam Pichler als B\u00fcrgermeister nach. In seiner Amtszeit verzeichnete Saalfelden grundlegende Ver\u00e4nderungen, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckten. Das Altersheim wurde ausgebaut, Schulen erweitert, ein Rehabilitationszentrum errichtet und der Reinhalteverband gegr\u00fcndet. Doch die mit Freude \u00fcbernommene Belastung wurde zur \u00dcberlastung. Die \u00c4rzte diagnostizierten Dickdarmkrebs und Karl trat nach f\u00fcnfeinhalbj\u00e4hriger Amtszeit als B\u00fcrgermeister zur\u00fcck. Wieder musste er um sein Leben k\u00e4mpfen, wieder gewann er.<\/p>\n<p>In der Bev\u00f6lkerung war der Politiker Reinthaler au\u00dferordentlich beliebt, zumal er die allt\u00e4glichen Anliegen nie aus den Augen verlor. Er, dem selbst gro\u00dfes Unrecht widerfahren war, w\u00e4gte aufgrund seiner Lebensgeschichte jede noch so kleine Handlung sorgf\u00e4ltig ab. Diese feinf\u00fchlige und vorsichtige Art machte ihn zu einem \u00fcberaus beliebten Gemeindeoberhaupt.<\/p>\n<p>Viele Jahre lang engagierte sich Karl Reinthaler auch als Zeitzeuge, am liebsten sprach er dabei mit Jugendlichen. W\u00e4hrend solcher Diskussionen sp\u00fcrte er, <em>\u201edass die Jugend sehr wach ist f\u00fcr diese Fragen&#8221;<\/em>. Das gab\u00a0ihm\u00a0Hoffnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1737 aligncenter\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zeitzeuge.jpg\" alt=\"karl-reinthaler_zeitzeuge\" width=\"600\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zeitzeuge.jpg 600w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zeitzeuge-300x170.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zeitzeuge-440x249.jpg 440w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/karl-reinthaler_zeitzeuge-585x332.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><em>Karl Reinthaler (2. v. l.) bei einer Konferenz der Sozialdemokratischen Freiheitsk\u00e4mpferInnen.<br \/>\n[Foto: <a href=\"http:\/\/steinocher-archiv.at\/\" target=\"_blank\">Steinocher-Archiv<\/a>]<\/em><\/p>\n<p>Ein tragischer Unfall beendete am 1. August 2000 sein Leben abrupt. Drei Tage sp\u00e4ter wurde der Saalfeldener Ehrenb\u00fcrger unter gro\u00dfer Anteilnahme der Bev\u00f6lkerung beerdigt.\u00a0Am 14. Februar 2002 setzte man ihm ein erstes Andenken: Die SP\u00d6 Saalfelden kaufte jenes Gewerkschaftsheim, an dessen Gr\u00fcndung Karl Reinthaler ma\u00dfgeblich beteiligt war und benannte es nach ihm, <em>\u201edem Pionier der ArbeiterInnenbewegung in Saalfelden\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Menschlichkeit, Toleranz und Hilfsbereitschaft \u2013 diese drei Eigenschaften waren es, die Karl Reinthaler zeit seines Lebens pr\u00e4gten. Dass er f\u00fcr diese positive Einstellung verurteilt und bestraft wurde, zeigt den menschenverachtenden Mechanismus des NS-Regimes in aller Deutlichkeit. <strong>Aber Karl Reinthaler hielt dagegen<\/strong> \u2013 nicht nur in jener unseligen Zeit.<\/p>\n<p><em>Titelfoto:<\/em>\u00a0Karl Reinthaler als junger Lokf\u00fchrer in Saalfelden, 1939 [<em>Foto:<\/em>\u00a0Privat\/<a href=\"http:\/\/www.dagegenhalten.at\" target=\"_blank\">Dagegenhalten.at<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201cHitler-Reden\u201d im Radio verschlugen ihm die Sprache und nahmen ihm den Appetit. In der Saalfeldener Bahnhofsrestauration wurde der Lokf\u00fchrer Karl Reinthaler (* 18. 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