{"id":1834,"date":"2016-09-27T14:28:02","date_gmt":"2016-09-27T12:28:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=1834"},"modified":"2016-09-27T14:35:52","modified_gmt":"2016-09-27T12:35:52","slug":"wird-man-christian-kern-gerecht-wenn-man-ihm-populismus-und-uebertriebene-selbstinszenierung-vorwirft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2016\/09\/27\/wird-man-christian-kern-gerecht-wenn-man-ihm-populismus-und-uebertriebene-selbstinszenierung-vorwirft\/","title":{"rendered":"Wird man Kern gerecht, wenn man ihm Populismus und \u00fcbertriebene Selbstinszenierung vorwirft?"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<h4>Ein Kommentar.<\/h4>\n<p>Man konnte darauf warten. Und nun ist es passiert. Die Doyens der Politikwissenschaft richten mahnende Worte an Christian Kern, nicht nur zu kommunizieren und sich selbst darzustellen, sondern auch etwas zu tun. Schluss mit der Inszenierung des sch\u00f6nen Scheins, Schluss mit der Anbiederung an den Boulevard, der Kanzler muss endlich liefern, rauscht es durch den Bl\u00e4tterwald, der gleichf\u00f6rmig und redundant immer das wiedergibt, was irgendein Vordenker in die Welt gesetzt hat. Im \u00f6sterreichischen Journalismus schreiben ja viele hinter einigen wenigen her oder von der APA ab. Eigentlich muss ein geschickter Demagoge nur mehr die Presseagenturen manipulieren und hat damit weitgehend die Zeitungslandschaft auf seine Linie gebracht.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMenschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind.\u201c<br \/>\n(Hannah Arendt, Vita Activa)<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Punkt. Dem neuen Kanzler wird vorgeworfen, nur zu kommunizieren und nicht zu handeln. Aber ist Kommunikation nicht auch handeln? Kann nicht alleine eine entschlossene Kommunikation der Politik neue Denkr\u00e4ume er\u00f6ffnen und in Vergessenheit geratene Schl\u00fcsselthemen wieder auf die Agenda setzen und so erste Anst\u00f6\u00dfe f\u00fcr die tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung des Realen liefern?<\/p>\n<h5>Ein Beispiel.<\/h5>\n<p>Ich bringe ein Beispiel. Christian Kern hat die Wertsch\u00f6pfungsabgabe und die Kritik an der Austerit\u00e4tspolitik wieder auf die Tagesordnung der Politik gesetzt, zwei Themen, die davor eine mutlos gewordene Sozialdemokratie nicht einmal zu denken, geschweige denn anzusprechen gewagt hat. Zu gro\u00df war die Angst davor, von den meinungsf\u00fchrenden Vertreter_innen des Neoliberalismus als realit\u00e4tsfremd und in Wirtschaftsfragen inkompetent abgetan zu werden. Und pl\u00f6tzlich kommt da einer, der entschlossen darauf hinweist, dass man diese Gesellschaft nicht alleine durch bildungs- und identit\u00e4tspolitische Konzepte und durch eine liberale Kunst- und Kulturpolitik sozialer und gerechter machen kann. Und er macht unumwunden klar, dass man auch die \u00d6konomie als wichtigste Dominante der gesellschaftlichen Entwicklung in eine sozialdemokratische Reformpolitik miteinschlie\u00dfen muss.<\/p>\n<p>Einen solchen mutigen Schritt hat keiner seiner Vorg\u00e4nger_innen gewagt. Zuletzt war es Kreisky, der mit marktregulierenden Ma\u00dfnahmen und nicht mit Deregulierungskonzepten Wirtschaftspolitik gemacht hat. Anstelle selbst zu denken, rannten \u00fcber Jahre hinweg alle hinter ein paar \u201erenommierten\u201c \u00d6konom_innen hinterher, die den freien Markt als Gl\u00fccksquelle f\u00fcr alle Menschen gepriesen haben. Dass wir, seit der neoliberale Markttotalitarismus die Wirtschaftspolitik bestimmt, eine sich dynamisch \u00f6ffnende Einkommensschere zwischen Armen und Reichen sehen m\u00fcssen, blieb \u00fcber die Jahre hinweg genauso unbeachtet, wie die Tatsache, dass in \u00d6sterreich das reichste Prozent der Bev\u00f6lkerung \u00fcber 23,4 Prozent des gesamten privaten Verm\u00f6gens verf\u00fcgt, w\u00e4hrend die \u00e4rmeren 50 Prozent zusammen lediglich 3,2 Prozent besitzen.<\/p>\n<blockquote><p>Solche Aussagen sind es, die die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Allein wenn einer angesichts einer solchen schier unglaublichen sozialen Ungleichheit, die restriktive Ausgaben- und Sozialpolitik der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft kritisiert, die wohl auch der eigentliche Grund f\u00fcr den sich ausbreitenden Rechtspopulismus ist, ist das eine hochgradig praxisrelevante, fast titanische Handlung, f\u00fcr die er W\u00fcrdigung und nicht Schelte verdient. Denn solche Aussagen sind es, die die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, weil sie zu neuen Wahrnehmungsweisen des Realen f\u00fchren, indem sie von neoliberalen Thinktanks gezielt aufgestellte Denktabus aushebeln.<\/p>\n<blockquote><p>Zudem ist es eine Wohltat f\u00fcr die Augen<\/p><\/blockquote>\n<p>Und nun zur Kritik am \u00e4sthetischen Schein. Wir leben in einer Zeit der \u201eVisual Culture\u201c. In ihr ist das Sichtbare, das Symbolische, das Stilistische, das Formale wichtiger als alles andere. Nur der, der in der Lage ist, Werte wie Optimismus, Kompetenz, Leadership, aber auch Anst\u00e4ndigkeit und Kultiviertheit zielgruppengerecht zu versinnbildlichen, kann heute Wahlen gewinnen. Und gerade hier macht Christian Kern alles richtig. Zudem ist es eine Wohltat f\u00fcr die Augen, im \u00dcbrigen das f\u00fcr die menschliche Wahrnehmung wichtigste Sinnesorgan, einmal einen gut gekleideten, rhetorisch brillanten und in Stilfragen kompetenten Politiker am Werk zu sehen. Gerade die Sozialdemokratie war ja in den letzten Jahrzehnten nicht gesegnet mit F\u00fchrungspersonen, denen man zutrauen konnte, einen Anzug von Armani, Versace oder Ermenegildo Zenga zu tragen, ohne darin peinlich oder wie ein modischer Irrtum zu erscheinen oder ein Innenstadtrestaurant betreten zu k\u00f6nnen, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, sich in der T\u00fcr geirrt zu haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-1166\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0Q3A1695-1024x682.jpg\" alt=\"0Q3A1695\" width=\"1024\" height=\"682\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0Q3A1695-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0Q3A1695-300x200.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0Q3A1695-768x512.jpg 768w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0Q3A1695-1170x780.jpg 1170w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0Q3A1695-585x390.jpg 585w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0Q3A1695-440x293.jpg 440w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/0Q3A1695.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<h5>Das Wesen unserer von Bildmedien gepr\u00e4gten Zeit<\/h5>\n<p>Wer heute die \u00e4sthetische Meisterschaft einer F\u00fchrungsperson geringsch\u00e4tzt oder die F\u00e4higkeit, \u00fcber \u201eInhaltliches\u201c zu reden, der Begabung mit symbolischen Formen umzugehen ma\u00dflos \u00fcberordnet, beweist nicht politisches Verst\u00e4ndnis, sondern in erster Linie, dass er das Wesen unserer von Bildmedien gepr\u00e4gten Zeit nicht verstanden hat. Ein dicker und h\u00e4sslicher und gleichzeitig kluger Mensch in einer F\u00fchrungsposition ist heute f\u00fcr eine Partei ein Ungl\u00fcck, ein gut aussehender und stilvoll gekleideter aber einf\u00e4ltiger Mensch ein verkraftbares, durch geschickte PR und Werbung zu korrigierendes Manko, ein gleichzeitig stilsicherer und politisch begabter Mensch ein unglaublicher Gl\u00fccksfall. Die in die Jahre gekommenen Auguren aus dem Umfeld der SP\u00d6 sollten Christian Kern nur machen lassen. Er hat besser verstanden, worum es heute geht, als sie.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir leben in einem Zeitalter, in dem unn\u00f6tige Dinge das einzig Notwendige sind.\u201c<br \/>\n(Oscar Wild)<\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00fcrde Oscar Wilde heute leben, dann w\u00fcrde er unsere Medien- und Kommunikationsgesellschaft mit folgendem Satz charakterisieren: \u201eWir leben in einem Zeitalter, in dem unn\u00f6tige Dinge das einzig Notwendige sind.\u201c Der Macht der unn\u00f6tigen Dinge muss die Politik heute ihren Tribut zollen. Tut sie es nicht, geht sie unweigerlich unter im Meer der starken Bilder und der von diesen ausgel\u00f6sten gro\u00dfen spektakul\u00e4ren Affekten und Emotionen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Fotos: <a href=\"http:\/\/arne-mueseler.com\">Arne M\u00fcseler<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kommentar. Man konnte darauf warten. Und nun ist es passiert. 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