{"id":2478,"date":"2017-01-29T00:20:16","date_gmt":"2017-01-28T23:20:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=2478"},"modified":"2017-01-30T11:58:49","modified_gmt":"2017-01-30T10:58:49","slug":"zwischen-volkstuemlichkeit-und-volkstuemelei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2017\/01\/29\/zwischen-volkstuemlichkeit-und-volkstuemelei\/","title":{"rendered":"Zwischen Volkst\u00fcmlichkeit und Volkst\u00fcmelei"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<h5>Gedanken im Fieberwahn zu den Sch\u00fcrzenj\u00e4gern und Gabalier.<\/h5>\n<p><span class=\"_5yl5\">Ich gebe es zu: Als ich noch ein kleines Kind war, damals in den 1990er-Jahren, war ich ein gro\u00dfer Fan der Zillertaler Sch\u00fcrzenj\u00e4ger. Neben dem cooleren Hubert von Goisern und den weniger coolen Klostertalern waren sie die Helden meiner Kindergartentage. Nicht ohne Zufall setzte ich damals auch meinen kindlichen Willen durch, unbedingt Steirische Harmonika lernen zu wollen. Doch das sei nur am Rande erw\u00e4hnt. Ebenso nur eine Nebenrolle spielt der Umstand, dass sich am vergangenen Wochenende \u2013 wie vermutlich im Moment bei vielen \u2013 mein Aktionsradius dank eines Magen-Darm-Infekts auf Schlaf- und Badezimmer beschr\u00e4nkte. Wer krank ist, hat Zeit, und macht Dinge, die er oder sie schon lange nicht mehr getan hat. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">Willkommen Europa, neues Land der alten Welt,<br \/>\nhast nach tausend Jahren Tr\u00e4nen,<br \/>\nDeine Weichen neu gestellt.<br \/>\nWillkommen Europa, Wiege der Vergangenheit,<br \/>\nzeigst der Welt die neue Zukunft,<br \/>\nEinigkeit und Menschlichkeit<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">La\u00df nicht Kriege Grenzen bauen<br \/>\n\u00f6ffne Deine Schranken weit,<br \/>\ngib die Kraft uns zu vertrauen,<br \/>\nBr\u00fcder einer neuen Zeit.<br \/>\n(Sch\u00fcrzenj\u00e4ger, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ei_fNyXt-Fk\" target=\"_blank\">&#8220;Willkommen Europa&#8221;<\/a>, 1992)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Richtig, ich habe mir auf Youtube ein paar der alten Lieder der Sch\u00fcrzenj\u00e4ger angeh\u00f6rt. Und dabei sind mir drei Dinge aufgefallen, die f\u00fcr mich reichen, sie einer breiteren Schar von Menschen mitzuteilen. Erstens: Es ist erstaunlich, wie gut man sich Texte von Liedern merken kann, die man bereits vergessen hatte. Zweitens: Mir war bis heute nicht bewusst, dass meine Weltanschauung bereits in junger Kindheit von einer volkst\u00fcmlichen Musikgruppe aus dem Zillertal in Tirol (mit-)gepr\u00e4gt wurde. Einer Band, die 1998 sogar zur <a href=\"http:\/\/www.unhcr.org\/about-us\/promsupporters\/52ea65779\/schurzenjager.html\">UNHCR Botschafterin des &#8220;Guten Willens&#8221;<\/a> auserkoren wurde. Und das wiederum brachte mich zu einem dritten Punkt: In vielen Bereichen des kulturellen und \u00f6ffentlichen Lebens ist seit den 1990er-Jahren Volkst\u00fcmelei anstelle von Volkst\u00fcmlichkeit ger\u00fcckt, und schuld daran sind &#8211; auch &#8211; die linken und progressiven Menschen in diesem Land.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\">Bei oam is die Hautfarb&#8217;, bei mir san&#8217;s die Haar<br \/>\nund langsam riech&#8217; i die Gefahr:<br \/>\nGestern wird morgen und des macht mir Sorgen<br \/>\ndass&#8217; wieder wird wie&#8217;s schon war.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Franz wollt&#8217; als Bua nur immer sei Ruah<br \/>\ndenn er war recht schwach auf der Brust.<br \/>\nDrum ham&#8217;s nach der Schul&#8217; immer no auf ihn g&#8217;wart&#8217;<br \/>\nDer haut net z&#8217;ruck, des ham&#8217;s g&#8217;wusst.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Heut is des anders, heut is er wer<br \/>\nam Head nur sein Skin und net mehr<br \/>\nUnd schaut oaner nit ganz so aus wie er<br \/>\ndann nimmer sich&#8217;n glei ordentlich her.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Des is koa Film, des is leider wahr<br \/>\nund langsam riech&#8217; i die Gefahr [&#8230;]<br \/>\n(Sch\u00fcrzenj\u00e4ger, &#8220;Gestern wird Morgen&#8221;, 1993)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Fest steht: Die gute alte Zeit gibt es nicht. Vor allem im Hinblick auf den Rechtspopulismus in \u00d6sterreich waren die 1990er-Jahre jenes Jahrzehnt, welches f\u00fcr den Aufstieg J\u00f6rg Haiders steht und f\u00fcr die Etablierung einer FP\u00d6, die gerade mit fremdenfeindlichen Parolen und Volkst\u00fcmelei (Protest-)Stimmen\u00a0erringen konnte. Dennoch ist der Unterschied zwischen dem Rock&#8217;n&#8217;Roll im Zillertal der 1990er Jahre und dem Volks Rock&#8217;n&#8217;Roller der Gegenwart ein frappierender. Irgendetwas muss in der Zwischenzeit passiert sein. <span class=\"_5yl5\">Ich gebe es zu: Ich habe keine Ahnung von Andreas Gabalier. Ich kenne seine Musik nicht und ich habe auch keine Lust, mich damit auseinandersetzen. Kein Fieberschub dieser Welt k\u00f6nnte das \u00e4ndern. Es reicht mir schon, wenn ich ihn als Adabei am Rande der Live-\u00dcbertragung der Hahnenkammabfahrt auf der Streif sehen muss. Umso mehr reichen mir seine \u00f6ffentlichen Aussagen, um mir ein Urteil zu bilden. Er <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=adh0LG-knmc\" target=\"_blank\">bek\u00e4mpft aktiv<\/a> die neue geschlechtergerechte Version der \u00f6sterreichischen Bundeshymne und M\u00e4nner, die sich k\u00fcssen, machen ihm offenbar Angst.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span class=\"_5yl5\">Man hat\u2019s nicht leicht auf der Welt, wenn man als Manderl noch auf ein Weiberl steht.<br \/>\n(Andreas Gabalier, 2015)<br \/>\n<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><span class=\"_5yl5\">Solche Aussagen und ein Albencover, das an die Swastika erinnert, hin oder her: Mit der Frage, wie rechts Andreas Gabalier ist, haben sich schon <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/alps\/article\/wie-rechts-ist-andreas-gabalier\" target=\"_blank\">andere<\/a> besch\u00e4ftigt. Die spannende Frage lautet: <\/span>In welcher Zeit leben wir, wenn Promis und K\u00fcnstler_innen, die sich f\u00fcr Menschlichkeit und Toleranz einsetzen, als b\u00f6se Vertreter_innen der Haute vol\u00e9 bezeichnet werden, w\u00e4hrend jene mit einem Weltbild von Vorgestern als Inbegriff \u00f6sterreichischer Volkskultur gefeiert werden?<\/p>\n<h5>Wir d\u00fcrfen traditionelle \u00f6sterreichische Ausdrucksformen nicht den Traditionalist_innen \u00fcberlassen.<\/h5>\n<p>Ressentiments gibt es nicht nur unter jenen Menschen, die sich vor dem Neuen f\u00fcrchten, sondern auch unter den Leuten, die sich selbst gerne als weltoffen bezeichnen. Als unser Bundespr\u00e4sident Alexander Van der Bellen im Wahlkampf mit Tracht erblickt wurde, r\u00fcmpften viele Linke die Nase und werteten seine Kleidungswahl beinahe als Verrat. Doch aufgewacht! Der durchschnittliche \u00d6sterreicher in Lederhose m\u00f6chte sein Kleidungsst\u00fcck nicht als politisches Statement verstanden wissen. Dasselbe gilt f\u00fcr die durchschnittliche \u00d6sterreicherin im traditionellen oder modischen Dirndl. Sie tragen ihre Tracht, weil sie ihnen gef\u00e4llt.<\/p>\n<h5>Das Bierzelt kann nichts daf\u00fcr<\/h5>\n<p>Seitdem die FP\u00d6 die Bierzelte erobert hat, scheint es, als sei dieses Terrain von\u00a0vielen politischen und gesellschaftlichen Gruppen zur feindlichen Zone erkl\u00e4rt worden. Dabei vergessen sie, dass es immer das Bierzelt der freiwilligen Feuerwehr, das Bierzelt der Musikkapelle, das Bierzelt von welchem ehrenamtlichen Verein auch immer ist. Der Zweck eines Bierzeltes ist nicht Pograpschen, sondern Geselligkeit. Und den Veranstaler_innen dient es dazu, ihre Vereinskassa aufzuf\u00fcllen. Wer das Bierzelt, den Maibaum (auch wenn er bl\u00f6derweise am 1. Mai aufgestellt wird) und die traditionellen Formen \u00f6sterreichischer Volkskultur verachtet, darf sich nicht wundern, wenn sich die Menschen vor den Kopf gesto\u00dfen f\u00fchlen, aber von populistischen Scharfmacher_innen verstanden. Die immerhin sind da, wo die Menschen sind. Sie sind nicht nur populistisch, sondern auch volksnah. Zwei an sich unterschiedliche Dinge, die leider das Gleiche sind, solange die politisch progressive H\u00e4lfte \u00d6sterreichs den Unterschied\u00a0nicht begreift. Ob Musiker_innen wie die Sch\u00fcrzenj\u00e4ger, Hubert von Goisern, STS, und EAV, oder die Gabaliers auf der B\u00fchne stehen, unterliegt mehr oder weniger dem Zufall. Aus politischer Sicht ist die Volkskultur zu wichtig, dem Zufall \u00fcberlassen zu werden. \u00d6VP und FP\u00d6 haben das verstanden, die progressiven Parteien &#8211; \u00fcber weite Strecken &#8211; noch nicht.<\/p>\n<div class=\"epyt-video-wrapper\"><iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_97979\"  width=\"1170\" height=\"878\"  data-origwidth=\"1170\" data-origheight=\"878\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/BNUJkbLOnyY?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;hl=de_DE&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/div>\n<p><em>PS: Ich m\u00f6chte mit diesem Text keine Meinungsaussage \u00fcber Musikgeschm\u00e4cker machen. Jede_r sollte die Musik horchen die ihm oder ihr gef\u00e4llt. \u00dcber Geschmack l\u00e4sst sich eben <strong>nicht<\/strong> streiten.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Foto: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Andreas_Gabalier_-_Amadeus_Austrian_Music_Award_2012.jpg\" target=\"_blank\">Manfred Werner<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken im Fieberwahn zu den Sch\u00fcrzenj\u00e4gern und Gabalier. 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