{"id":2614,"date":"2017-02-21T08:58:34","date_gmt":"2017-02-21T07:58:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=2614"},"modified":"2017-02-22T08:06:57","modified_gmt":"2017-02-22T07:06:57","slug":"optimismus-als-pflicht-ein-grosser-oesterreicher-im-portrait","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2017\/02\/21\/optimismus-als-pflicht-ein-grosser-oesterreicher-im-portrait\/","title":{"rendered":"Optimismus als Pflicht. Ein gro\u00dfer \u00d6sterreicher im Portrait."},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<h5><strong>Buchbesprechung.<br \/>\n<\/strong>Robert Misik wirft mit seinem neuen Buch \u00fcber Victor Adler ein paar Fragen auf, die von gr\u00f6\u00dfter Aktualit\u00e4t sind.<\/h5>\n<p>Ein Buch \u00fcber Victor Adler, den Gr\u00fcnder der \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie, scheint im Jahr 2016 auf den ersten Blick nicht von brennender Aktualit\u00e4t. Au\u00dfer einigen eingefleischten und historisch interessierten SozialdemokratInnen wird diese Abhandlung dann wohl auch kaum jemandem als Pflichtlekt\u00fcre erscheinen. Doch so klein und bescheiden das B\u00fcchlein daherkommt, so gro\u00df sind die Fragen und Hinweise, die sich darin finden \u2013 nicht nur f\u00fcr Politiker_innen oder linke Parteigenoss_innen, sondern f\u00fcr alle, die sich f\u00fcr \u00d6sterreich und seine Zukunft interessieren. Man lernt daraus einiges \u00fcber die Geschichte der Demokratie in diesem Land, \u00fcber Leadership, Authentizit\u00e4t oder die Macht der Medien. Und das alles auf nicht einmal 120 kleinformatigen Buchseiten, gut lesbar und mit zahlreichen Verweisen auf weiterf\u00fchrende Literatur.<\/p>\n<blockquote><p>Wie es sein kann, dass wir so wenig \u00fcber diesen politischen Helden wissen; wie es sein kann, dass wir in \u00d6sterreich bis heute lieber der Monarchie-Verherrlichung der Sissi-Filme anh\u00e4ngen als dem Heldenkampf f\u00fcr die Demokratie.<\/p><\/blockquote>\n<h6>Victor Adler: Der gr\u00f6\u00dfte \u00d6sterreicher der politischen Geschichte?<\/h6>\n<p>Robert Misik beginnt mit der gewagten These, dass Victor Adler der \u201egr\u00f6\u00dfte \u00d6sterreicher der politischen Geschichte\u201c sei. Dieser Einstieg mutet sehr verwegen an, aber er macht auch neugierig. Leser_innen, die der Sozialdemokratie zuneigen, fragen sich dabei wohl: Worin sollte Adler, der nie eine \u00f6sterreichische Regierung anf\u00fchrte, gr\u00f6\u00dfer sein als Kreisky oder Renner? Anh\u00e4nger_innen des christlich-sozialen Lagers werden sich bei diesen Worten wundern, ob der Autor je von Figl oder Raab geh\u00f6rt hat. Ein betr\u00e4chtlicher Teil der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde wom\u00f6glich einwenden, dass doch Sissi und Franzl die beiden unumstrittenen politischen Idole unserer Geschichte seien. \u00dcber die Herren am rechtsnationalen Rand und deren Vorbilder ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Dem Autor gelingt es aber Seite f\u00fcr Seite, seine These zu untermauern und aufzuzeigen, worin die Gr\u00f6\u00dfe dieses Mannes bestand, der als Armenarzt begann und langsam zu einem der wichtigsten sozialdemokratischen Politiker Europas aufstieg. Misik beschreibt Victor Adler als einen Mann des Ausgleichs, der sein ganzes Leben lang von Widerspr\u00fcchen umgeben war, sie aushielt und zwischen ihnen vermittelte. Er kam aus gro\u00dfb\u00fcrgerlichem Haus, aus einer Welt der Bourgeoisie, und f\u00fchlte sich doch dem Wohle der Arbeiter_innen verpflichtet. Als Armenarzt versorgte er seine Patient_innen gratis und zahlte ihnen sogar noch die Medikamente, was ihn an die Grenzen des Ruins trieb. Er bezeichnete Optimismus als Pflicht und litt doch am eigenen Leben und zahlreichen Schicksalschl\u00e4gen so sehr, dass ihm das Dasein zur Last wurde. Er war skeptisch gegen\u00fcber den Theorien und dem Intellektualismus seiner gro\u00dfen Kollegen und Freunde Bebel, Kautsky oder Bernstein, und war gleichzeitig durch und durch ein Mann des Intellekts, bester Freund und Arzt von Friedrich Engels, guter Bekannter von Trotzky und Lenin, F\u00fchrungsfigur der europ\u00e4ischen Sozialist_innen, sowie Gr\u00fcnder zweier politischer Zeitungen. Er war ein vernunftorientierter Nachdenker und Schreiber, der doch in den entscheidenden Momenten zum unbeirrbaren Tatmensch wurde. Die 17 Gef\u00e4ngnisaufenthalte nutzte er zur Vorbereitung und Fortf\u00fchrung des Kampfes f\u00fcr ein demokratisches, freies und gerechtes \u00d6sterreich. Was ihm gelang, ist in der Tat beeindruckend. Als Arzt rettete oder erleichterte er unmittelbar das Leben vieler Menschen, als Publizist und Journalist gr\u00fcndete er zwei Zeitungen, die zu zentralen Organen der sozialistischen Bewegung wurden. Als Politiker einigte er die zersplitterte Arbeiterbewegung in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, machte den 1. Mai zu einem friedlichen Protesttag, erk\u00e4mpfte das Wahlrecht und erm\u00f6glichte durch seine besonnene Haltung den friedlichen \u00dcbergang von der Monarchie zur Demokratie. Einen Tag vor der Ausrufung der demokratischen Republik Deutsch-\u00d6sterreich starb er im 66. Lebensjahr. Man fragt sich in Anbetracht dieser Lebensleistung tats\u00e4chlich, wie es sein kann, dass wir so wenig \u00fcber diesen politischen Helden wissen; wie es sein kann, dass wir in \u00d6sterreich bis heute lieber der Monarchie-Verherrlichung der Sissi-Filme anh\u00e4ngen als dem Heldenkampf f\u00fcr die Demokratie.<\/p>\n<h6>Zwischen den Zeilen: Aktuelle politische Fragen<\/h6>\n<p>Die beeindruckende Biographie von Victor Adler, die Robert Misik in Streiflichtern eing\u00e4ngig und spannend erz\u00e4hlt, ist aber nicht nur ein historisches Dokument. Der Autor, einer der zentralen linken politischen Denker \u00d6sterreichs, wirft manchmal explizit, meist aber zwischen den Zeilen sehr geschickt eine Reihe von aktuellen politischen Fragen auf.<\/p>\n<p>So zeigt das Buch, was echtes Leadership bedeutet, n\u00e4mlich u.a. Authentizit\u00e4t, Flei\u00df, Vernunft, Abw\u00e4gung und Entscheidungsfreude. Dass ein Mann so uneigenn\u00fctzig die eigene Existenz riskiert, um anderen zu helfen, ist etwas, das heute in der Politik kaum vorstellbar ist. In Zeiten, in denen nicht umsonst so mancher Sozialdemokrat als Genosse der Bosse bezeichnet wird, in denen Mindestsicherungen nach unten diskutiert werden, k\u00f6nnte Adlers Hinwendung zu den weniger Privilegierten eine Inspiration sein. Adler war authentisch, weil er die Menschen kannte und wusste, wie es ihnen ging. Er war flei\u00dfig und rackerte f\u00fcr seine Ziele, blieb dabei aber geduldig und rational. Er wog stets das F\u00fcr und Wider ab, galt manchen als Bremser und war doch entscheidungsfreudig, wenn sich ein historisches Fenster \u00f6ffnete. Robert Misik bezeichnet ihn ob dieser Eigenschaften auch zurecht als Vorbild.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Sozialdemokratie untermauert das Buch, dass sie immer dann erfolgreich war, wenn sie konkrete Anliegen, glaubw\u00fcrdige F\u00fchrungsfiguren und starke Medienpr\u00e4senz hatte. Stets ging es um das richtige Ma\u00df zwischen Theorie und Realit\u00e4tsn\u00e4he. Misik zeigt, dass Adler beileibe kein intellektuellenfeindlicher Populist war, aber auch nicht viel von abgehobenen Debatten als l\u2019art pour l\u2019art hielt. Er hatte wie sp\u00e4ter auch Kreisky die F\u00e4higkeit, die Sprache der Arbeiter_innen genauso wie die der intellektuellen Eliten zu sprechen. Und er sah, ebenso wie sp\u00e4ter Kreisky, die Sozialdemokratie als moderne Bewegung \u2013 \u201emodern\u201c im besten, aufkl\u00e4rerischen Wortsinn, orientiert an den Idealen Freiheit, Gleichheit und Solidarit\u00e4t. Der Kampf um die Rechte der Arbeiter_innen und f\u00fcr die Demokratie wurde von Adler um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert ma\u00dfgeblich \u00fcber seine Zeitungen gef\u00fchrt. Kreisky war in den 1970er Jahren der Held der Fernsehdebatten. Die Sozialdemokratie kam voran, wenn sie medial stark war, wenn sie mit ernst gemeinten Botschaften auftrat, ohne sich zu inszenieren. Heute hat sie im Kampf um die Meinungsf\u00fchrerschaft in den sozialen Medien gro\u00dfen Nachholbedarf.<\/p>\n<blockquote><p><em>Ich bin Optimist durch und durch, aus Temperament und aus Prinzip [&#8230;].\u00a0 Aus Prinzip, weil ich glaube, bemerkt zu haben, dass nur der Optimismus [&#8230;] was zuwege bringt. Der Pessimismus ist seiner Natur nach impotent.<br \/>\n(Victor Adler)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr sozialdemokratische Politiker_innen der Gegenwart ist das Buch auch in Hinblick auf die ewige Debatte zwischen nationalem und internationalem Sozialismus lehrreich. Adler war nicht allein Gr\u00fcnder der \u00f6sterreichischen Arbeiterpartei. Er war zentrale Figur in der Internationalen und eng mit anderen europ\u00e4ischen Sozialist_innen befreundet \u2013 ebenso wie sp\u00e4ter Kreisky. Demgegen\u00fcber machen sich die internationalen Kontakte heutiger \u00f6sterreichischer Politiker_innen sehr bescheiden aus. Adler hat auch nicht, wie das heute oft passiert, die Arbeiter_innen verschiedener Nationalit\u00e4ten gegeneinander ausgespielt. Im Gegenteil: Er setzte sich mit einem ersch\u00fctternden Bericht \u00fcber das Elend tschechischer Ziegelarbeiter_innen in Favoriten f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen ein. Den Kampf f\u00fcr einen Sozialismus, der nicht vor der nationalstaatlichen Haust\u00fcre endet, haben Leute wie Adler und Kreisky mit \u00dcberzeugung gek\u00e4mpft. Es ist umso erstaunlicher, wie schwer sich die Sozialdemokratie heute, in Zeiten der Globalisierung damit tut, ihren internationalistischen Kern wiederzubeleben.<\/p>\n<p>Robert Misik weist auch mehrfach darauf hin, dass Victor Adler der Einiger einer gespaltenen Arbeiterbewegung war und auch sp\u00e4ter noch die Sozialdemokratie zusammenhielt. Die Passagen des Buches, in denen \u00fcber die K\u00e4mpfe zwischen den linken Akteuren der Partei wie Adlers Sohn Friedrich und den eher rechtsgerichteten Vertretern wie Karl Renner berichtet wird, erinnern ein wenig an das heutige Match zwischen den progressiveren, international ausgerichteten Kr\u00e4ften und dem stark national orientierten Fl\u00fcgel um Doskozil und Niessl. Dass sich SP-Parteichef und Bundeskanzler Kern hier in einer \u00e4hnlichen Lage wie einst Adler sieht, ist nicht auszuschlie\u00dfen. Jedenfalls legt ein Zitat des Kanzlers am Buchr\u00fccken nahe, dass er zumindest eine gewisse Begeisterung f\u00fcr Adler mit dem Autor Misik teilt.<\/p>\n<p>Hochaktuell sind schlie\u00dflich auch Adlers Warnungen vor der \u00f6sterreichischen Gem\u00fctlichkeit \u2013 dass manches erreicht wurde, d\u00fcrfe kein Grund sein, sich zur\u00fcckzulehnen \u2013 und sein Aufruf zum Optimismus. Die Pessimisten haben die Welt noch nie verbessert. Gerade in schwierigen Zeiten sei Optimismus Pflicht.<\/p>\n<p><strong>Robert Misik hat mit \u201eVictor Adler. Ein seltsamer Held\u201c ein inspirierendes, gut zu lesendes Buch vorgelegt. Es ist weniger eine kritische Biographie als die Verneigung vor einem Politiker, der in \u00d6sterreich zweifellos untersch\u00e4tzt wird. An manchen Stellen h\u00e4tte der Autor in seinen Schlussfolgerungen f\u00fcr die Gegenwart expliziter werden, die gegenw\u00e4rtige Politik, besonders die ihm nahestehende Sozialdemokratie noch mehr herausfordern k\u00f6nnen. Doch wer Hinweise f\u00fcr die Gegenwart herauslesen will, der findet auch so gen\u00fcgend Ansatzpunkte daf\u00fcr.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2615\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Adler-Buch-1.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"960\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Adler-Buch-1.jpg 720w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Adler-Buch-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Adler-Buch-1-440x587.jpg 440w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Adler-Buch-1-585x780.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/p>\n<p><strong><em>Misik, Robert 2016: Victor Adler. Ein seltsamer Held, Picus Verlag<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchbesprechung. Robert Misik wirft mit seinem neuen Buch \u00fcber Victor Adler ein paar Fragen auf, die von gr\u00f6\u00dfter Aktualit\u00e4t sind. Ein Buch \u00fcber Victor Adler, den Gr\u00fcnder der \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie,&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":2619,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[14,2],"tags":[57,1164,1163,826],"coauthors":[],"class_list":["post-2614","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-politik","tag-christian-kern","tag-rezension","tag-robert-misik","tag-victor-adler"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2614"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2627,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2614\/revisions\/2627"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2619"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2614"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=2614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}