{"id":2621,"date":"2017-02-23T00:01:46","date_gmt":"2017-02-22T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=2621"},"modified":"2017-02-23T11:16:07","modified_gmt":"2017-02-23T10:16:07","slug":"terror-jede-antwort-ist-falsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2017\/02\/23\/terror-jede-antwort-ist-falsch\/","title":{"rendered":"Terror: Jede Antwort ist falsch"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<hr \/>\n<p><em>TL;DR: Terror \u00f6ffnet die Kammer des intensiven Charakterzeichnung, um dann in eine moralphilosophische Abhandlung zu m\u00fcnden (mit Zitaten!: Judith Thompson! Kant! Karneades!).\u00a0 Zum\u00a0 Schluss gibt es noch eine Abstimmung, ob man absoluten Prinzipien folgt oder ob man gute Folgen bevorzugt.<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h4><\/h4>\n<h3><\/h3>\n<h3>Publikumsabstimmung mit merkw\u00fcrdigem Spannungsabfall.<\/h3>\n<p><strong>Eine Kritik zum Theaterst\u00fcck Terror im Salzburger Landestheater.<br \/>\n<\/strong>Die Szene: Ein Gericht. Das Publikum: Die Sch\u00f6ffen.<\/p>\n<p>Der Beginn ist vielversprechend: Da erkl\u00e4rt der Richter, dass wir als Publikum Sch\u00f6ffen sind und damit \u00fcber das Schicksal von Kampfpilot Lars Koch entscheiden. Wenn Terroristen ein Flugzeug kapern und damit einen Terroranschlag an den 70.000 Menschen in der M\u00fcnchner Allianz Arena ver\u00fcben wollen: Darf der Pilot Koch das Flugzeug abschie\u00dfen, und damit die 164 Personen an Board des Kampf direkt t\u00f6ten, oder muss er beim Anschlag tatenlos zusehen, weil ein Mord ein Mord bleibt?<\/p>\n<p>Nachdem die Pr\u00e4misse klar ist, folgt die meiner Meinung nach st\u00e4rkste Charakterzeichnung: Oberstleutnant Lauterbach, direkter Vorgesetzter in der Befehlskette, antwortet mit milit\u00e4rischer Korrektheit, irgendwann gehen ihm aber doch die Antworten aus. W\u00e4hrend der Befragung sieht man an der Leinwand sein Gesicht, in Gro\u00dfbild. Das f\u00fcgt der Befragung eine Direktheit hinzu: Lauterbach spricht mit mir, so kam es mir vor. Er wird damit konfrontiert, dass die milit\u00e4rische Befehlskette implizit erwartet hat, dass Lars Koch das Flugzeug abschie\u00dft, obwohl nat\u00fcrlich ein Befehl dagegen ausgesprochen wird. Da muss er schlucken, er wei\u00df keine Antwort.<\/p>\n<div class=\"epyt-video-wrapper\"><iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_10116\"  width=\"1170\" height=\"658\"  data-origwidth=\"1170\" data-origheight=\"658\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/LZxl54hKlNA?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;hl=de_DE&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/div>\n<p>Auch die Darstellung von Lars Koch ist \u00fcberzeugend. Der ist Vorbildsoldat, Familienvater, Elitepilot mit Gewissen. Seine Familiengeschichte mag etwas schablonenhaft wirken, das St\u00fcck behandelt seine Frau und Kinder aber so oder so nur als Teil der Dramaturgie. Mein Gott, die haben nicht einmal Namen. Egal, Lars Koch schildert zahlreiche Argumente, die insgesamt komplex werden: Vielleicht will die Inszenierung zu viel, ich habe 5 Argumente gez\u00e4hlt (ohne die Gegeneinw\u00e4nde). Aber das Frage-und-Antwortspiel mit der Staatsanw\u00e4ltin l\u00e4sst den Atem stocken. Auf die finale Frage der Staatsanw\u00e4ltin kann Lars Koch nur sagen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eJede Antwort ist falsch\u201c<\/p><\/blockquote>\n<h5>Und dann: der Rest<\/h5>\n<p>Ich w\u00e4re jetzt bereit f\u00fcr die Abstimmung gewesen, es f\u00fchlte sich richtig an. Aber es muss ja auch noch den Opfern ein Gesicht gegeben werden. Die Befragung von Franziska Meiser kann diesen Job zwar erf\u00fcllen; die Geschichte wird nicht aufgebl\u00e4ht, sondern lebt von stillen Momenten. Aber mein Gott, gebt den Kindern Namen, und gebt einer emotionalen Geschichte Zeit.<\/p>\n<p>Okay, das ganze dauert nicht lange, Opferrolle ist damit abgehakt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2635\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232766_22_terror.jpg\" alt=\"\" width=\"940\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232766_22_terror.jpg 940w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232766_22_terror-300x141.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232766_22_terror-768x360.jpg 768w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232766_22_terror-440x206.jpg 440w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232766_22_terror-585x274.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px\" \/><\/p>\n<h5>Nach der Pause : die philosophische Abhandlung<\/h5>\n<p>Die Pl\u00e4doyers der Anw\u00e4lte wollen oder k\u00f6nnen dem Dilemma wenig hinzuf\u00fcgen. Moralische Dilemmata zu verstehen ist einfach; die L\u00f6sung muss anscheinend mit Worten \u00fcberfrachtet werden. \u201eW\u00fcrde\u201c ist das leerste Wort der deutschen Rechtsprache. Das Ganze im Stil einer philosophischen Vorlesung, ja selbst die Autoren der jeweiligen Beispiele werden zitiert.<\/p>\n<p>Argumentativ haben mich zwei Dinge gest\u00f6rt: Einerseits wird nicht mehr darauf eingegangen, dass ja der milit\u00e4rische Apparat das Abschie\u00dfen des Flugzeuges erwartet hat. Und zweitens wird die Prinzipienethik \u00e0 la Kant als Schwarz-Wei\u00df-Moral charakterisiert: So g\u00e4be es scharfe Prinzipien, denen man folgen m\u00fcsse, was auch immer die Konsequenzen seien. Das bessere Argument, warum Koch die Passagiere nicht t\u00f6ten durfte, w\u00e4re doch: Die Passagiere haben nicht zugestimmt, f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfere Gut zu sterben. Dieser Kern einer Prinzipienmoral wird der utilitaristischen Abw\u00e4gung nicht ausreichend gegen\u00fcbergestellt. Gute Folgen (164 vs 70.000) gegen Fehlen einer Zustimmung h\u00e4tte ich mir gew\u00fcnscht, W\u00fcrde und absolute Prinzipien bekommen.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-lang=\"de\">\n<p dir=\"ltr\" lang=\"de\">kleine Orientierungshilfe zum Film &#8220;Terror &#8211; Ihr Urteil&#8221; (heute <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ORF\">@ORF<\/a> 2): der Auszug aus unserem Lehrbuch dazu. What would Immanuel Kant say? <a href=\"https:\/\/t.co\/W9ARFqX0Vl\">pic.twitter.com\/W9ARFqX0Vl<\/a><\/p>\n<p>\u2014 Ralph Janik (@RalphJanik) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/RalphJanik\/status\/787968712146055168\">17. Oktober 2016<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><br \/>\nZum Schluss ist es ist keine Gerichtsverhandlung mehr, oder wie die Staatsanw\u00e4ltin sagt: Major Lars Koch ist kein Verbrecher. Durch die philosophische Abhandlung geht der Charakter einer Gerichtsverhandlung verloren. Die Abstimmung zum Schluss war eine Abstimmung dar\u00fcber, ob man die \u00dcberzeugung des Lars Koch teilt. Ob das noch eine Entscheidung \u00fcber das Schicksal und den Charakter des Lars Koch war?<\/p>\n<p>Wir Geschworenen haben Lars Koch relativ eindeutig als \u201enicht schuldig\u201c befunden. Nach Lesen anderer Rezensionen scheint das auch das mehrheitliche Ergebnis anderer Auff\u00fchrungen und der Fernsehsendung zu sein. Das k\u00f6nnte daran liegen, dass die Prinzipienethik schwarz wei\u00df, ohne den Aspekt der Zustimmung charakterisiert wurde. Es k\u00f6nnte aber auch daran liegen, dass wir Menschen gute Folgen \u00fcber den Aspekt der Zustimmung stellen. Das bleibt offen, f\u00fcr eine Beratung der Geschworenen h\u00e4tte die Pause nach den Pl\u00e4doyers oder direkt nach der Befragung des Lars Koch erfolgen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Was bleibt, ist eine moralische Abhandlung mit starken Darsteller_innen, holzschnitzartigen Charakteren, Spannung zu Beginn, einer Einf\u00fchrung in die Moralphilosophie zum Schluss und einer Mitmachidee, die dazu zwingt, das St\u00fcck kritisch mitzuverfolgen.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2636\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232801_23_terror.jpg\" alt=\"\" width=\"940\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232801_23_terror.jpg 940w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232801_23_terror-300x141.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232801_23_terror-768x360.jpg 768w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232801_23_terror-440x206.jpg 440w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/1486232801_23_terror-585x274.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px\" \/><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Die Auff\u00fchrung:<\/strong><\/em><br \/>\nTerror, von Ferdinand von Schirach<br \/>\nSalzburger Landestheater, am 20.02.2017<br \/>\nDauer: ca. 2 h 30 min \/ inkl. Pause<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Weitere Termine &amp; Tickets:<br \/>\n<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/www.salzburger-landestheater.at\/de\/produktionen\/terror.html\/ID_Vorstellung=2262&amp;m=2\">Hier<strong><em>&#8230;<br \/>\n<\/em><\/strong><\/a>Die letzte Vorstellung ist am Mittwoch, dem 19. April 2017.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Fotos: Anna-Maria L\u00f6ffelberger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TL;DR: Terror \u00f6ffnet die Kammer des intensiven Charakterzeichnung, um dann in eine moralphilosophische Abhandlung zu m\u00fcnden (mit Zitaten!: Judith Thompson! Kant! 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