{"id":3946,"date":"2017-07-26T07:57:24","date_gmt":"2017-07-26T05:57:24","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=3946"},"modified":"2017-07-24T14:00:39","modified_gmt":"2017-07-24T12:00:39","slug":"rezension-robert-misiks-christian-kern-ein-politisches-portraet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2017\/07\/26\/rezension-robert-misiks-christian-kern-ein-politisches-portraet\/","title":{"rendered":"Rezension: Robert Misiks &#8220;Christian Kern. Ein politisches Portr\u00e4t&#8221;"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p>Ich muss ehrlich zugeben, dass ich die Lekt\u00fcre einige Zeit hinausgez\u00f6gert habe. So schob ich <a href=\"http:\/\/misik.at\/\">Robert Misiks<\/a> Portr\u00e4t \u00fcber Christian Kern von einer Schreibtischecke zur anderen, von einem B\u00fccherregalbrett zum n\u00e4chsten. Die Lekt\u00fcre politischer Biographien ben\u00f6tigt \u2013 so behaupte ich \u2013 die richtige Stimmung. Und so entschied ich mich im vorsommerlichen Berufstrubel und Stress zwischen Website-Texten, Teilzeitjob und Shitstorm-Management doch lieber f\u00fcr Richard Laymon. Quasi Kontrastprogramm.<\/p>\n<p>Rezensionen sind \u2013 vor allem, wenn es um ein derartig dicht gestricktes und sehr pers\u00f6nliches Buch geht \u2013 eine Herausforderung. Und noch mehr, wenn der Autor ein anerkannter Journalist und der \u201eGegenstand\u201c der amtierende Bundeskanzler und SP\u00d6-Parteivorsitzende ist. Ich wage es trotzdem und beginne mit dem letzten Absatz des Buchs:<\/p>\n<blockquote><p>Der Vorhang zu, das letzte Wort. Geben wir es <a href=\"http:\/\/www.elfriedejelinek.com\/\">Elfriede Jelinek<\/a>. Die \u00f6sterreichischen Literaturnobelpreistr\u00e4gerin wurde vor einiger Zeit in einem Interview gefragt: \u201eGlauben Sie wirklich, dass die Sozialdemokratie reformierbar ist?\u201c Jelinek gab darauf eine wirklich tiefgr\u00fcndige und sch\u00f6ne Antwort, die getragen war von einem skeptischen Optimismus: \u201eEs wird uns nichts anderes \u00fcbrig bleiben, als das zu glauben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Zitat steht in meinen Augen f\u00fcr den Geist, der sich durch dieses Portr\u00e4t zieht. Keineswegs verf\u00e4llt Robert Misik auch nur irgendwie in eine Lobhudelei (die man by the way auch nicht erwartet, kennt man seine Texte). Misik benennt die Krisen der Sozialdemokratie und die Frage nach der Schaffung einer neuen sozialdemokratischen Erz\u00e4hlung, die ja historisch immer schon den Anspruch eines Korrektivs herrschender Verh\u00e4ltnisse zum Gegenstand hatte. Und somit eigentlich moderner denn je w\u00e4re, w\u00fcrde sie nicht schlingern zwischen Unschl\u00fcssigkeiten, ob links oder rechts; ob werteverhaftet oder wertekritisch; ob neoliberal oder kapitalismuskritisch; oder einfach \u201evorw\u00e4rts\u201c?<\/p>\n<p>Eingebettet in diesen Diskurs steht die Portr\u00e4tierung Christian Kerns als zielstrebig, \u00fcberlegt, faktenorientiert. Und zugleich phasenweise zweifelnd, Entscheidungen hinterfragend und Haltungen korrigierend. Das messianische Bild, das vor allem zu Beginn seiner Kanzlerschaft in der \u00d6ffentlichkeit und besonders innerhalb der Sozialdemokratie bestand, wird nicht perpetuiert. Zum Gl\u00fcck. Man bekommt jedoch eine Ahnung davon, wie Kern tickt. Und seine verschiedenen Rollen als Alleinerziehender, als Student, Manager, Familienvater, Parteichef und Bundeskanzler stehen nicht im Widerspruch zu-, sondern in absoluter Selbstverst\u00e4ndlichkeit nebeneinander. Wirken also nur \u201enat\u00fcrlich\u201c. Und befinden sich in krassem Gegensatz zu dem, was man sich von einem politischen Portr\u00e4t landl\u00e4ufig erwarten w\u00fcrde: Einer gewissen Perfektion; als ob man den literarischen Scheinwerfer nur dorthin richten w\u00fcrde, wo sich absolute Fehlerlosigkeit findet. Dass eben dem genau nicht so ist, macht das Buch so lesenswert.<\/p>\n<p>Ein Text, der flie\u00dft. Man z\u00e4hlt die gelesenen Seiten nicht. Sondern liest, bl\u00e4ttert weiter. Anstrengend ist es zu keinem Zeitpunkt. Systemkritik wechselt sich ab mit biographischen Details, Ausz\u00fcgen aus Gespr\u00e4chen zwischen Misik und Kern, Historie und Retrospektive. Vom Gro\u00dfen zum Kleinen und wieder zur\u00fcck. Launig bisweilen. Die Geschwindigkeiten wechseln. Liest man etwa \u00fcber die Tage vor und w\u00e4hrend der \u00dcbernahme der Kanzlerschaft, so bekommt man doch einen \u2013 wenn auch nur ungef\u00e4hren \u2013 Eindruck der herrschenden Stimmung. Wer davon nicht zumindest etwas beeindruckt ist, ist nicht empathisch genug.<\/p>\n<p>Von Seite zu Seite erscheinen die Entscheidungen, die Kern trifft, logischer. Und das Selbstbild, das er nach au\u00dfen gibt, authentisch. Dennoch ist er da: Der blinde Fleck. Anders gesagt: Als ich die letzte Seite gelesen hatte und das Buch zuschlug, war mein Eindruck nicht der, Christian Kern nun besser zu kennen oder mehr \u00fcber ihn zu wissen. Das Bild \u00fcber ihn hatte sich lediglich verfestigt und letztendlich \u2013 im positiven Sinn \u2013 best\u00e4tigt. Der \u201eBuddy\u201c, mit dem man schnell mal auf ein Bier geht, ist er f\u00fcr mich dennoch nicht. Muss auch nicht sein.<\/p>\n<p>Gewiss liest man als bekennende \u2013 wenngleich kritische, aber doch \u00fcberzeugte \u2013 Sozialdemokratin dieses Werk anders als jemand, dem weder Geschichte noch Wertekanon der SP\u00d6 vertraut oder eine Anliegen sind. Es ist nicht zuletzt eine Motivation f\u00fcr jene, die t\u00e4glich zweifeln, ob die Sozialdemokratie nun Zukunft hat oder nicht. Sofern man \u00fcberhaupt erkennt, dass sich Narrative ver\u00e4ndern m\u00fcssen, um angenommen zu werden. Wenn Robert Misik schreibt \u201eAber die Sozialdemokratie muss ein neues Bild von sich zeichnen, sie muss erz\u00e4hlen, wie sie sich selbst sieht. Und diese Geschichte muss erst wieder entwickelt werden\u201c, so verstehe ich das als Aufforderung, von der oftmals technokratischen, schlicht parteierhaltenden \u201eEs woa scho immer so\u201c-Mentalit\u00e4t, die in Teilen der SP\u00d6 ja immer noch zu finden ist, abzur\u00fccken. Eine Mentalit\u00e4t, die es phasenweise besonders Neuen in der Partei so schwierig macht anzudocken. Dieses neue Narrativ braucht eine neue Methodik, Kreativit\u00e4t und einen Abschied von der (ich nenne es) \u201eintellektuellen M\u00fcdigkeit\u201c, die die SP\u00d6 bisweilen so blockiert.<\/p>\n<p><strong>Dieses Buch verdient es, mehrmals gelesen zu werden. Und es auf Schreibtisch und B\u00fccherregal herumzuschieben, war definitiv ein Fehler.<\/strong><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.residenzverlag.at\/index.php?m=30&amp;o=2&amp;&amp;id_title=1861&amp;text=3\">Hier<\/a> geht\u2019s zur Bestellung.<\/em><\/p>\n<p><strong>Robert Misik:<\/strong> Christian Kern. Ein politisches Portr\u00e4t. Residenz Verlag, Salzburg \u2013 Wien 2017. ISBN\u00a09783701734115 | ISBN E-Book\u00a09783701745470<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Diese Rezension wurde bereits zuvor von Kathrin Quatember auf ihrem Blog FIREREDFRIEDERIKE.com <a href=\"https:\/\/fireredfriederike.com\/2017\/07\/23\/kern\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ver\u00f6ffentlicht<\/a>.<br \/>\nFoto: Kathrin Quatember<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich muss ehrlich zugeben, dass ich die Lekt\u00fcre einige Zeit hinausgez\u00f6gert habe. 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