{"id":400,"date":"2016-06-07T12:19:40","date_gmt":"2016-06-07T10:19:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=400"},"modified":"2016-06-07T12:30:08","modified_gmt":"2016-06-07T10:30:08","slug":"vor-der-morgenroete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2016\/06\/07\/vor-der-morgenroete\/","title":{"rendered":"Vor der Morgenr\u00f6te"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p><strong>Wien \u2013 Fin de Si\u00e8cle: Kultur und Wissenschaft werden, von jenen, die es sich leisten k\u00f6nnen, gro\u00dfgeschrieben. Intellektuelle treffen sich in ihren Kreisen und verkn\u00fcpfen und zerrei\u00dfen Gedankenwelten und Werke. Es ist eine Zeit, in der sich Kunst und Kultur zu Recht selbst feiern. W\u00e4hrend die \u00f6sterreichische Literatur mit Stefan Zweig, einem Kind jener Sternstunden, einen ihrer H\u00f6hepunkte erreicht, wachsen gleicherma\u00dfen Kriegslust und Antisemitismus im ganzen Land. Der Rest ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte. Eine Geschichte, die Stefan Zweig irgendwann nicht mehr ertragen k\u00f6nnen wird.<\/strong><\/p>\n<p>Wie zeitlos und heutzutage leider auch brandaktuell Zweigs Schaffen ist, ist beispielsweise in <em>Die Welt von Gestern<\/em> nachzulesen. Wie liebevoll und eigenwillig die Atmosph\u00e4re seiner Werke auch filmisch umgesetzt wird, zeigt etwa Wes Andersons <em>Grand Budapest Hotel<\/em>. Die deutsche Regisseurin und Schauspielerin Maria Schrader hat es sich mit <em>Vor der Morgenr\u00f6te<\/em> (englischer Titel: <em>Stefan Zweig: Farewell to Europe<\/em>) zur schwierigen Aufgabe gemacht, Zweigs letzte Jahre vor seinem Suizid zu verfilmen. Dabei erz\u00e4hlt sie nicht eine durchgehende Geschichte bis zum bitteren Ende, sondern greift in ihrer Narration wichtige Episoden und Stationen von Stefan Zweigs Leben im Exil auf.<\/p>\n<div class=\"epyt-video-wrapper\"><iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_80573\"  width=\"1170\" height=\"658\"  data-origwidth=\"1170\" data-origheight=\"658\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/U1godsw7MTM?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;hl=de_DE&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/div>\n<p>Als der Film ansetzt, ist Zweig (Josef Hader) bereits ein gefeierter Mann. Er wird als Ehrengast in Rio von einem Empfang zum n\u00e4chsten gereicht. Bei einem Kongress zeigt sich erstmals, was das eigentliche Grundthema des Films und die wahre Trag\u00f6die ausmachen wird. Zweig weigert sich, klar gegen Hitler und den deutschen Nationalsozialismus aufzutreten. Er erkl\u00e4rt, dass er als Schriftsteller zwar Werke mit politischer Bedeutung schaffen k\u00f6nne, sich aber niemals auf das Niveau jener herablassen w\u00fcrde, die seine Sprache mit menschenverachtenden Parolen missbrauchten. Zweig ist letztendlich zerrissen von der Neugier f\u00fcr das seines Erachtens nahezu paradiesische Brasilien, seiner Liebe f\u00fcr ganz Europa und der Trauer, eben jenem hilflos beim Brennen zusehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nicht genug kann man Josef Hader f\u00fcr seine schauspielerische Darbietung loben. Stefan Zweigs Erscheinungsbild, welches irgendwo im kulturellen Ged\u00e4chtnis verankert ist, verschmilzt unter Schraders Regie mit dem \u00f6sterreichischen Ausnahme-Kabarettisten Josef Hader. Diesem gelingt es, die Melancholie und Tragik, aber auch die Lichtblicke und Hoffnungsschimmer mit einer \u00dcberzeugungskraft auf die Leinwand zu bringen, dass man am Ende des Films s\u00e4mtliche Fotografien Stefan Zweigs, die uns auf den R\u00fcckseiten alter Schulausgaben der <em>Schachnovelle<\/em> durch das Gymnasium begleiteten, vergessen hat. Auch die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler, darunter Barbara Sukowa als Friderike Zweig, Aenne Schwarz als Lotte Zweig oder Matthias Brandt als Ernst Feder, wissen zu \u00fcberzeugen und so gelingt <em>Vor der Morgenr\u00f6te<\/em> die Gratwanderung einer gef\u00fchlvollen Biografie, die nie in plumpen Kitsch abf\u00e4llt und die Zweig auch zu keinem Zeitpunkt zu einem unfehlbaren Helden hochstilisiert.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt ist das der ruhigen Kinematografie zu verdanken, die oftmals in langen Einstellungen inneh\u00e4lt und v\u00f6llig auf extradiegetische Musik verzichtet. Wo in anderen Filmen der Soundtrack entscheidend zur Stimmung der Zuschauenden beitr\u00e4gt, entsteht durch diesen Verzicht eine Grundstimmung, die ein Gef\u00fchl von Sicherheit vermittelt und den Krieg und seine Schrecken in weite Ferne r\u00fcckt. Zweig kann sich frei durch die neue Welt, ob nun Brasilien oder die Vereinigten Staaten, bewegen. Ihm geschieht nichts, aber der Krieg erreicht ihn auf geistiger und seelischer Ebene. Seine Sorge und Aufmerksamkeit gilt vor allem jenen, die in Nazi-Deutschland zur\u00fcckgeblieben sind. Seine zunehmende Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweiflung sind \u00e4u\u00dferst subtil dargestellt und lassen sich dennoch erahnen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Ich glaube an ein freies Europa. Ich glaube daran, dass Grenzen und P\u00e4sse eines Tages der Vergangenheit angeh\u00f6ren werden. Ich bezweifle allerdings, dass wir das noch erleben werden.&#8221; &#8211; Stefan Zweig (Josef Hader) in <em>Vor der Morgenr\u00f6te<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit stellt sich der Film in seiner Darstellung auch in einen bewussten Kontext zur derzeitigen Fl\u00fcchtlingssituation in Europa, die von vielen Seiten vor allem durch Hetze und Angst getragen wird. Es d\u00fcrfte wohl nicht ganz ein Spiel des Zufalls sein, dass <em>Vor der Morgenr\u00f6te<\/em> genau im Jetzt der europ\u00e4ischen Geschichte erscheint. Plakativ anklagend ist der Film dabei niemals, obgleich sich das Unbehagen und die Erinnerung an jene Tage nicht absch\u00fctteln lassen, in denen gro\u00dfe Intellektuelle, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und zahlreiche Kunstschaffende in Scharen ihre Heimat verlassen mussten, um sie einer wutgeifernden Masse zu \u00fcberlassen, die nicht ruhen sollte, bis ganz Europa in Tr\u00fcmmern lag.<\/p>\n<p>Maria Schrader ist mit <em>Vor der Morgenr\u00f6te<\/em> ein ruhiger, sensibler, melancholischer und stimmungsvoller Film gelungen, der die letzten Jahre eines der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Literatur einf\u00e4ngt, ohne diese zu verkl\u00e4ren. Wenn man dem Film etwas vorwerfen mag, dann, dass er in seiner Inszenierung und Stilistik vielleicht ein bisschen zu sehr nach dem Oscar f\u00fcr den besten fremdsprachigen Film greift.<\/p>\n<p><em>Vor der Morgenr\u00f6te<\/em><br \/>\n<strong>Regie:<\/strong> Maria Schrader<br \/>\n<strong>Drehbuch:<\/strong> Maria Schrader, Jan Schomburg<br \/>\n<strong>Soundtrack:<\/strong> &#8211;<br \/>\n<strong>Cast: <\/strong>Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt, Charly H\u00fcbner<br \/>\n<strong>Laufzeit:<\/strong> 106 Minuten<br \/>\n<strong>FSK:<\/strong> ohne Altersbeschr\u00e4nkung<br \/>\n<strong>Kinostart:<\/strong> 03.06. (AT)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wien \u2013 Fin de Si\u00e8cle: Kultur und Wissenschaft werden, von jenen, die es sich leisten k\u00f6nnen, gro\u00dfgeschrieben. 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