{"id":4067,"date":"2017-08-10T14:57:06","date_gmt":"2017-08-10T12:57:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=4067"},"modified":"2017-08-10T14:57:06","modified_gmt":"2017-08-10T12:57:06","slug":"im-westen-neues-dunkirk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2017\/08\/10\/im-westen-neues-dunkirk\/","title":{"rendered":"Im Westen Neues: Dunkirk"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p>Es ist fast zu ruhig. Nur der Wind weht k\u00fchl durch die malerische Altstadt D\u00fcnkirchens, durch deren Stra\u00dfen ein paar verlorene britische Soldaten wandern. Der Feind &#8211; die deutsche Wehrmacht &#8211; l\u00e4sst die jungen M\u00e4nner per Flugblatt wissen, dass sie eingekreist sind, dass es aus diesem Kessel kein Entrinnen gibt. Hoffnung sucht man in den Blicken der Soldaten vergebens. Sch\u00fcsse fallen. Die Ruhe vor dem Sturm ist vorbei. Einer der Soldaten kann sich hinter die franz\u00f6sische Linie zum Strand retten, wo er mit hunderttausenden anderen auf die Evakuierung wartet. Es ist Ende Mai des Jahres 1940. Der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange Hollywood-Mastermind Christopher Nolan hat beschlossen, uns in seinem neuesten Werk davon zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Sein Film <em>Dunkirk<\/em> erz\u00e4hlt die reale Geschichte\u00a0 der \u201aOperation Dynamo\u2018 aus drei Perspektiven, die jeweils einen unterschiedlichen Zeitraum umfassen. Wer gewillt ist, bei dem Film mitzudenken, kann sich also durchaus auf einen Hauch interstellarer Zeitkr\u00fcmmung gefasst machen und im Kopf entwirren, wieso man manche Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln mehrmals sieht.<\/p>\n<div class=\"epyt-video-wrapper\"><iframe loading=\"lazy\"  id=\"_ytid_62414\"  width=\"1170\" height=\"658\"  data-origwidth=\"1170\" data-origheight=\"658\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/F-eMt3SrfFU?enablejsapi=1&#038;autoplay=0&#038;cc_load_policy=0&#038;cc_lang_pref=&#038;iv_load_policy=1&#038;loop=0&#038;rel=1&#038;fs=1&#038;playsinline=0&#038;autohide=2&#038;hl=de_DE&#038;theme=dark&#038;color=red&#038;controls=1&#038;disablekb=0&#038;\" class=\"__youtube_prefs__  epyt-is-override  no-lazyload\" title=\"YouTube player\"  allow=\"fullscreen; accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen data-no-lazy=\"1\" data-skipgform_ajax_framebjll=\"\"><\/iframe><\/div>\n<p>Einerseits sehen wir die Geschichte aus der Sicht des oben beschriebenen Soldaten. Die Internet Movie Data Base f\u00fchrt ihn schlicht als Tommy (Fionn Whitehead). Sein Name wird im Film nicht erw\u00e4hnt, weil er keine Bedeutung hat. Andererseits, im wahrsten Sinne des Wortes, n\u00e4mlich auf der anderen Seite des \u00c4rmelkanals, packt ein Mister Dawson (Mark Rylance) seine beiden S\u00f6hne George (Barry Keoghan) und Peter (Tom Glynn-Carney) und jede Menge Schwimmwesten in seine private Yacht. Er will nach Dunkirk \u00fcbersetzen, um den britischen Soldaten zu helfen.<\/p>\n<p>Als dritten Blickwinkel zeigt uns Christopher Nolan das Geschehen aus der Vogelperspektive. Mit dem Piloten Farrier (Tom Hardy) erleben wir den Kampf um Dunkirk aus dem Cockpit seiner Spitfire. W\u00e4hrend die Soldaten am Boden unter den dauernden Angriffen der Luftwaffe um ihr Leben bangen, der Vater mit seinen S\u00f6hnen im Boot \u00fcberstellt, liefert sich Farrier t\u00f6dliche Luftk\u00e4mpfe mit deutschen J\u00e4gern und Bombern. Die deutsche Sicht wird komplett ausgeklammert. Die Wehrmacht ist eine gesichtslose grausame Masse, die wie eine gigantische Woge einfach \u00fcber alles hinwegfegt.<\/p>\n<p>Kurz zum realen Hintergrund: Die deutsche Armee kesselt im Mai 1940 die britische Armee im franz\u00f6sischen Dunkerque ein, verz\u00f6gert jedoch ihren Bodenangriff, um den britischen und franz\u00f6sischen Truppen mit Luftangriffen zuzusetzen. Da die Briten den Verlust ihres Expeditionskorps nur schwer verkraftet h\u00e4tten, wird eine riskante Rettungsaktion gestartet, bei der auch kleinere Schiffe wie Fischkutter und Rettungsboote genutzt werden, um die Soldaten aus dem Kessel nach England auszuschiffen. Knapp 338.000 Soldaten (darunter auch etwa 100.000 Franzosen) k\u00f6nnen evakuiert werden. Etwa 40.000 nicht. Die britische Kriegspropaganda stellt die Evakuierung als heldenhaftes milit\u00e4risches Wunder dar.<\/p>\n<p>Um das Loblied auf Nolans Umsetzung der Geschehnisse zu beginnen, sei erst kurz erinnert, wie (amerikanische) Kriegs- aber auch Antikriegsfilme (ein umstrittener Terminus) in der Regel ablaufen. Zun\u00e4chst erleben wir das beschauliche Leben in der Heimat, lernen die liebenswerten Charaktere kennen und bekommen so ein gutes &#8211; wenn auch manchmal kitschiges &#8211; Gef\u00fchl daf\u00fcr, was diese Helden bereit sind zu opfern. Um den Kontrast zwischen beschaulicher Heimat, f\u00fcr die es sich zu k\u00e4mpfen lohnt und dem Schrecken des Krieges zu erh\u00f6hen, wird oftmals nicht mit expliziten Gewaltdarstellungen gegeizt. Diese k\u00f6nnen als Stilmittel durchaus funktionieren. Umso bemerkenswerter ist es, dass Nolan sowohl auf das Heimatidyll als auch auf fliegende Ged\u00e4rme zur G\u00e4nze verzichtet.<\/p>\n<p>Die Hauptfigur am Strand von Dunkirque ist ein namenloser junger Soldat. Er darf zwar ein paar Mal schie\u00dfen, ob er trifft, bleibt aber gleichg\u00fcltig. Er ist kein strahlender Held. Er ist ein Mensch, der nichts anderes will, als diesen Irrsinn zu \u00fcberleben. Aus seiner Perspektive sehen wir, wie die britischen Truppen, die auf ihre Evakuierung warten, versuchen, die stetigen Angriffe der Stukas zu \u00fcberleben und unausweichlich dezimiert werden. Hier ist das Grauen des Krieges am sp\u00fcrbarsten. Mit jedem Schiff, das bei deutschen Angriffen versenkt wird, schwindet die Hoffnung aufs \u00dcberleben mehr. Blankes Entsetzen und drohende Panik sind allgegenw\u00e4rtig. Ein Gef\u00fchl, das sich nicht nur wegen der gro\u00dfartigen Schauspieler, sondern auch des exzellenten Soundtracks wegen direkt auf das Kinopublikum \u00fcbertr\u00e4gt. Hans Zimmer liefert hier keine Musik, die man als Beigabe bei Feuerwerken spielt. Der Score von <em>Dunkirk<\/em> baut sich dezent auf, steigert sich und ist letztendlich markersch\u00fctternd. Die dr\u00fcckende Atmosph\u00e4re auf diesem Strand wird direkt in den Kinosaal \u00fcbertragen und braucht sich, obgleich sie ganz anders inszeniert ist, vor Steven Spielbergs ikonischer D-Day-Szene in Soldat <em>James Ryan<\/em> kein bisschen zu verstecken.<\/p>\n<p>Als der Vater und seine S\u00f6hne einen traumatisierten Soldaten (Cillian Murphy) von einem Schiffswrack retten, erleben wir, was der Krieg aus Soldaten machen kann. Starke M\u00e4nner, die wie kleine Kinder zusammengekauert in einer Ecke sitzen, bilden einen intensiven Kontrast zum klassischen amerikanischen Weltkriegs-Heldenepos. An dieser Stelle sei aber auch spekuliert, dass Hollywood diesen Film wohl niemals finanziert h\u00e4tte, w\u00fcrde er von amerikanischen Soldaten handeln und nicht von britischen und franz\u00f6sischen. Symbolisch k\u00f6nnte man sagen, zeigt uns dieser Gerettete, wie sich der Krieg auch nach der Schlacht noch auf das Leben der Bev\u00f6lkerung auswirken kann und deren Leben nachhaltig zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Szenen am Strand vor allem von Ausweglosigkeit und dem nackten Kampf ums \u00dcberleben gepr\u00e4gt sind, haben die Zivilisten am Schiff eine gr\u00f6\u00dfere Distanz zum Geschehen. Es wird \u00fcber die Gro\u00dfartigkeit der Milit\u00e4rtechnik gefachsimpelt, gleichzeitig zeigt sich auch deren Gef\u00e4hrlichkeit, wenn etwa ein Flugzeug heranrast und man nicht sicher sagen kann, ob es sich um Freund oder Feind handelt.<\/p>\n<p>Eine noch gr\u00f6\u00dfere Distanz gewinnt das Geschehen in der Luft, wo die Szenen von weitl\u00e4ufigen Panorama-Aufnahmen des \u00c4rmelkanals gepr\u00e4gt sind. Wir gewinnen Abstand zu dem grausamen Treiben am Boden. Fast schon romantisch k\u00f6nnte man die Aufnahmen \u00fcber dem \u00c4rmelkanal zwischen Wolken und Sonnenschein sehen. Auch wenn die Spitfire-Piloten ruhig und besonnen sind, sind diese Momente vor allem f\u00fcr die Zuschauerinnen und Zuschauer \u00e4u\u00dferst intensiv. Wenn aus heiterem Himmel pl\u00f6tzlich ein Kugelhagel auf das Flugzeug niedergeht und man in seinem Kinosessel zusammenzuckt, wei\u00df man, warum man sich diesen Film auf der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Leinwand mit der bestm\u00f6glichen Soundanlage ansieht.<\/p>\n<blockquote><p>Der gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Saal und die bestm\u00f6gliche Technik sind bei diesem Film absolute Pflicht. F\u00fcr Christopher Nolan ist <em>Dunkirk<\/em> n\u00e4mlich auch eine Liebeserkl\u00e4rung an das Kino.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er m\u00f6chte das Medium Film aus den F\u00e4ngen des Internets zur\u00fcck auf den Bigscreen holen und <em>Dunkirk<\/em> ist ein \u00e4u\u00dferst \u00fcberzeugendes Argument, um die heimische Couch zu verlassen, denn nur dort wird sich dieser au\u00dfergew\u00f6hnliche Film in seiner vollen Pracht entfalten. Wie gro\u00df auch der heimische Fernseher oder Projektor strahlen mag, die IMAX-Leinwand ist dennoch gr\u00f6\u00dfer und genau dorthin geh\u00f6rt <em>Dunkirk <\/em>unzweifelhaft.<\/p>\n<p>Gegen Ende (kein Spoiler) wird der Film nur scheinbar etwas pathetisch. Es werden Reden geschwungen und Helden gefeiert. Als Zusehende erleben wir in diesen Szenen allerdings nur das, was die britische Kriegspropaganda tats\u00e4chlich aus diesem Ereignis gemacht hat. Die gebotene Propaganda steht hingegen im starken Kontrast zu den traumatischen Bildern, die wir zuvor am Strand gesehen und miterlebt haben. <em>Dunkirk<\/em> ist bis zum Schluss kein Kriegsfilm. Wer wehende Flaggen, enge Kameradschaft und Heldentum im Stile von <a href=\"http:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2017\/02\/06\/hacksaw-ridge\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Hacksaw Ridge<\/em><\/a> oder <em>James Ryan<\/em> erwartet, wird von <em>Dunkirk<\/em> entt\u00e4uscht werden. <em>Dunkirk<\/em> erz\u00e4hlt von Menschen, die vom Krieg aufgerieben werden. Der Krieg hat bei Christopher Nolan nichts Feierliches, nichts Poetisches und wenig Heldenhaftes.<\/p>\n<blockquote><p>Dank seiner ungew\u00f6hnlichen Erz\u00e4hlstruktur, den gro\u00dfartigen Schauspielern und der Nolan-typischen perfekten Inszenierung kann man sagen: Mit Dunkirk gibt es im (Kriegsfilm-) Westen noch Neues!<\/p><\/blockquote>\n<p><i>Dunkirk<\/i><br \/>\n<strong>Regie:<\/strong> Christopher Nolan<br \/>\n<strong>Drehbuch:<\/strong> Christopher Nolan<br \/>\n<strong>Soundtrack:\u00a0<\/strong>Hans Zimmer<br \/>\n<strong>Cast:\u00a0<\/strong>Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Cillian Murphy, Tom Hardy, Aneurin Barnard, Sir Kenneth Brannagh<br \/>\n<strong>Laufzeit:<\/strong> 107 Minuten<br \/>\n<strong>FSK:<\/strong> 12<br \/>\n<strong>Kinostart:<\/strong> 27.07.17 (AT)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist fast zu ruhig. 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