{"id":4268,"date":"2017-09-28T13:35:23","date_gmt":"2017-09-28T11:35:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=4268"},"modified":"2017-09-28T13:35:23","modified_gmt":"2017-09-28T11:35:23","slug":"herumsudern-und-was-man-darauf-antworten-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2017\/09\/28\/herumsudern-und-was-man-darauf-antworten-kann\/","title":{"rendered":"Herumsudern. Und was man darauf antworten kann."},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p>Das \u201eSudern\u201c ist doch etwas sehr \u00d6sterreichisches. Da nehme ich mich selber nicht aus. Ich suder&#8217; mit Hingabe, den Blick meist auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt gerichtet. V\u00f6llig zurecht \u00fcbrigens. Es gibt allzu viele Ungerechtigkeiten. Und im \u00dcberma\u00df sind die von Ungerechtigkeiten betroffen, die nicht das Kapital haben, um sich Gerechtigkeit zu erkaufen. Andererseits bin ich es gerade jetzt im Wahlkampf schon ziemlich leid zu h\u00f6ren, was alles schiefl\u00e4uft. Das Schlechtreden verdeckt einerseits das Positive, und andererseits die wirklichen Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaften stehen.<\/p>\n<p>Ich geh jetzt einen Schritt zur Seite, werfe einen Blick auf mein eigenes Leben, die kleinen und gro\u00dfen Chancen, die ich bekommen habe und immer noch bekomme, sowie die Dinge, die wir gerne als Selbstverst\u00e4ndlichkeiten betrachten. Dinge, die im \u00fcberwiegenden Teil der Welt eben nicht selbstverst\u00e4ndlich sind.<\/p>\n<p>Es folgen Episoden aus meiner eigenen Geschichte, zutiefst subjektiv, gewiss f\u00fcr viele nicht nachvollziehbar oder verst\u00e4ndlich. Aber: Wenn ich euch dadurch zum Gr\u00fcbeln animiere, hab\u2018 ich eigentlich schon gewonnen.<\/p>\n<h3>A story about\u2026<br \/>\nGesundheit<\/h3>\n<p>Vor einigen Jahren, ich war 24 Jahre alt, bekam ich eines Tages ein Ziehen im Unterschenkel. Zun\u00e4chst dachte ich an Muskelkater. Das Ziehen h\u00f6rte nicht auf und wurde von Tag zu Tag schlimmer. Schlussendlich landete ich im LKH Salzburg. Diagnose: Tiefe Beinvenenthrombose. Die eine Woche auf der Angiologie war in erster Linie langweilig und \u00f6d. Ich wurde durchgecheckt von oben bis unten, dackelte von einer Untersuchung zur n\u00e4chsten, sah meine ger\u00f6ntge Lunge, meine ultrageschallten Beckenvenen und eine Liste meiner Blutwerte, die eigentlich sehr okay waren. Die Krankenpfleger_innen waren trotz ihres hohen Stresslevels immer freundlich und meine Zimmerkolleginnen ein bunter und recht witziger Haufen. Und alle \u2013 \u00c4rzt_innen wie Pfleger_innen \u2013 haben ihren Job so derma\u00dfen gut gemacht, dass vom Gerinnsel nichts \u00fcbrig blieb. H\u00e4tte man hier nicht so genau hingeschaut, h\u00e4tte das Ganze weitaus schlimmer ausgehen k\u00f6nnen. Nun kann ich mich nat\u00fcrlich aufregen, dass ich in der Ambulanz und bei den Untersuchungen lange warten musste und in einem Sechsbettzimmer untergebracht war. Das tu ich aber jetzt eben genau nicht. Ich bekam eine hervorragende medizinische Versorgung und Medikamente um (vermutlich) Tausende von Euros. Der Spitalstagessatz, der zu bezahlen war und die sexy St\u00fctzstr\u00fcmpfe, die mich noch zwei Jahre lang begleiten sollten (oh wie ich sie gehasst habe), waren selbst f\u00fcr mich als Studentin damals leistbar. Ich bin \u00fcbrigens nicht zusatzversichert. Trotzdem wurde ganz genau hingeschaut. Daf\u00fcr bin ich allen Beteiligten bis heute dankbar.<\/p>\n<h3>A story about\u2026<br \/>\nBildung<\/h3>\n<p>Es war immer eine Aufregung! Am Beginn des Schuljahres war ein Fixtermin die Ausgabe der neuen Schulb\u00fccher. Nachdem ich ja einen gr\u00f6beren B\u00fcchertick habe, war das f\u00fcr mich ein au\u00dferordentliches Vergn\u00fcgen: Das Knacken des Umschlags, wenn man die niegelnagelneuen B\u00fccher aufschlug. Der Geruch und der Glanz des Papiers. Der Stowasser (meiner war dunkelviolett) sah am Ende der achten Klasse noch immer aus wie an dem Tag, als ich ihn \u00fcberreicht bekam. F\u00fcr mich waren die neuen B\u00fccher eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Erst aus Erz\u00e4hlungen von Erwachsenen erfuhr ich, dass gratis Schulb\u00fccher nicht immer selbstverst\u00e4ndlich waren.<\/p>\n<p>Zeitsprung.<\/p>\n<p>Der \u00dcbergang vom Gymnasium zum Studium war ein etwas holpriger. Zun\u00e4chst bildete ich mir ein Informatikstudium ein. Das hatte sich allerdings erwartungsgem\u00e4\u00df schnell erledigt (wobei ich bis heute eine begeistere Computerbastlerin und Probleml\u00f6serin bin) und ich wechselte zum Geschichte- und Publizistikstudium nach Salzburg. Die Studiengeb\u00fchren waren mein Wegbegleiter. \u00dcber das sehr geringe Stipendium war ich vor allem deswegen froh, weil zumindest diese Geb\u00fchren abgedeckt waren. Zudem war ich eine der Gl\u00fccklichen, die in einem der WIST-Studierendenheime ein f\u00fcr Salzburger Verh\u00e4ltnisse sehr g\u00fcnstiges Zimmer ergatterte, das mir meine gro\u00dfartigen und mich immer unterst\u00fctzenden Eltern finanzierten. Ich blieb bis wenige Monate vor Studienabschluss. Das Zimmer war klein, aber trotzdem ger\u00e4umig. Das Bad erinnerte stark an ein Uboot und man konnte gleichzeitig am Klo sitzen, duschen und am Waschbecken Z\u00e4hne putzen. Aber es war meins. Gekocht wurde in der Stockwerksk\u00fcche, wo wir beim stundenlangen Bauernschnapsen und Siedler-von-Catan-Spielen hektoliterweise Kaffee vernichteten. Unser Haustechniker war stets da, wenn die Gl\u00fchbirne zu wechseln oder der verstopfte Abfluss auszuputzen war. Extrakosten? Nein.<br \/>\nDie Unibibliothek war hervorragend ausgestattet (und im obersten Stock, wo die Urkundeneditionen vor sich hinstaubten, sogar mit Blick auf die Festung). Die Professor_innen waren f\u00fcr uns da, die Institutssekret\u00e4r_innen halfen einem aus der einen oder anderen Patsche und die f\u00fcr den Studienabschluss n\u00f6tige Exkursion nach Prag war so g\u00fcnstig, dass ich mich bis heute frage, wie sich das \u00fcberhaupt ausgegangen ist. Nat\u00fcrlich gabs gerade zu Studienbeginn auf der Kommunikationswissenschaft Vorlesungen, wo man am Boden sitzen musste. Und manchmal musste man auf Noten lange warten. Aber als die Stipendienstelle mir eine Falschinformation zum nachzuweisenden Studienerfolg gab und ich mit zu wenig Stunden dastand, setzte die Rechtsabteilung der Uni alles in Bewegung, um mir fristgerecht meine Wahlfachstunden anzurechnen. Und mir damit den Stipendienerhalt zu sichern.<br \/>\nEin Studium unter den Voraussetzungen, wie sie von manchen gefordert werden \u2013 mit Studiengeb\u00fchren \u00fcber mehrere tausend Euro und erheblichen Zugangsbeschr\u00e4nkungen \u2013 h\u00e4tte zu meiner Zeit dazu gef\u00fchrt, dass mir ein Studium mit hoher Wahrscheinlichkeit verwehrt geblieben w\u00e4re.<\/p>\n<h3>A story about\u2026<br \/>\nWohnen &amp; Pendeln<\/h3>\n<p>Nach zehn Jahren Leben in Salzburg \u2013 vier davon in einer kleinen, aber sehr h\u00fcbschen Wohnung \u2013 tauchte die Frage auf: Suchen wir uns etwas anderes? Nach l\u00e4ngerer Recherche und der Erkenntnis, dass der Wohnungsmarkt in Salzburg f\u00fcr Normalsterbliche einigerma\u00dfen unleistbar ist, verschlug es uns nach Ebensee. Heute lebe ich in einer Genossenschaftswohnung um einen Preis, f\u00fcr den man in Salzburg gerade mal eine 30-Quadratmeter-Wohnung bekommt. Wenn man Gl\u00fcck hat. Ich kann also durchaus sagen, dass ich eine Profiteurin des sozialen Wohnbaus bin. Vergleichbare Wohnungen kosten je nach Lage am privaten Wohnungsmarkt das 1,5- bis Zweifache: Somit nicht leistbar.<br \/>\nMit dem Job war\u2019s nun nicht so einfach. In meiner Region f\u00fcr meine Professionen entsprechende Arbeit zu bekommen ist \u00e4u\u00dferst schwierig. So lebe ich zwar in Ebensee, arbeite jedoch in Salzburg. Viele in meinem Heimatort pendeln eine Stunde oder sogar weiter aus. Ich bin also kein Einzelfall. Die Pendler_innenpauschale ist gerade f\u00fcr Fernpendler_innen eine gro\u00dfe Entlastung. M\u00fcsste ich die Kosten g\u00e4nzlich aus eigener Tasche bezahlen, w\u00fcrd\u2019s schwierig werden. Gut. Die \u00d6ffis w\u00e4ren durchaus ausbauf\u00e4hig und mit dem Zug brauch ich doppelt so lange als mit dem Auto. Aber man kann schlie\u00dflich nicht alles haben. Daf\u00fcr genie\u00dfe ich eine sensationelle Lebensqualit\u00e4t in einer sozialen Gemeinde und habe einen Job, der mir Spa\u00df macht.<\/p>\n<h3>And finally: A story about\u2026<br \/>\nMenschlichkeit &amp; Zivilcourage<\/h3>\n<p>Ich kann mich noch genau an den Tag in der Volksschule erinnern, als wir einen neuen Klassenkollegen bekamen. Er war Bosnier (den Namen nenne ich hier ganz bewusst nicht; ich bitte euch daf\u00fcr um Verst\u00e4ndnis) und mit seiner Mutter vor dem Krieg nach \u00d6sterreich geflohen. Wir waren neugierig auf ihn. Soweit ich mich erinnere, war er ein blasser, sehr stiller, besonnener Junge. Was er und seine Familie mitgemacht haben, habe ich nie erfragt. Dank meiner gro\u00dfartigen Volksschullehrerin (meiner Meinung nach die Beste wo gibt) wurde er schnell ein Teil unserer Klassengemeinschaft. Und dass er wie nebenbei in horrendem Tempo Deutsch lernte, erschien mir damals nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich. Heute schon.<\/p>\n<p>Zeitsprung.<\/p>\n<p>Als im sp\u00e4ten Fr\u00fchjahr 2015 die ersten Fl\u00fcchtlinge in Ebensee ankamen, war das Engagement vieler Ebenseer_innen da. Eine <a href=\"http:\/\/www.leben-in-ebensee.at\/\">Plattform<\/a> wurde gegr\u00fcndet. Einige dieser tollen Menschen engagieren sich bis heute. An dieser Stelle ein gro\u00dfes DANKE f\u00fcr eure Arbeit. Ihr habt vieles aufgefangen, was eigentlich staatliche Aufgabe gewesen w\u00e4re. Einige der Menschen, die damals kamen, sind geblieben. Sie leben und arbeiten hier. Ab und zu trifft man sich zuf\u00e4llig im Wirtshaus. Sie sind da. Sie bereichern. Und das ist gut so.<br \/>\nIch bin dankbar daf\u00fcr, dass es in \u00d6sterreich Menschen gibt, die rennen, wenn es notwendig ist. Die helfen. Die widersprechen, wenn die braunen R\u00fclpser aufsteigen. Die sich ehrenamtlich engagieren und zeigen, was Zivilcourage und Gemeinschaft tats\u00e4chlich bedeuten.<\/p>\n<p><strong>Leider fallen uns die guten, die positiven, die wunderbaren Beispiele und Geschichten meistens nicht so schnell ein wie die negativen. Schlechte Erfahrungen, Erz\u00e4hlungen und H\u00f6rensagens scheinen uns tiefer, massiver und nachhaltiger zu pr\u00e4gen. Es hilft aber durchaus innezuhalten und uns das ins Bewusstsein zu holen, was funktioniert; was uns beeindruckt und freut. Und nicht zuletzt, was uns immer wieder aus aussichtslosen Situationen rausgeholt hat.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Dieser Beitrag wurde zuerst <a href=\"https:\/\/fireredfriederike.com\/2017\/09\/22\/sudern\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Beitragsbild:\u00a0 Jame | \u00a0<a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/jamiesrabbits\/5641312582\">Source<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u201eSudern\u201c ist doch etwas sehr \u00d6sterreichisches. Da nehme ich mich selber nicht aus. Ich suder&#8217; mit Hingabe, den Blick meist auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt gerichtet. 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