{"id":434,"date":"2016-06-09T10:19:34","date_gmt":"2016-06-09T08:19:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=434"},"modified":"2016-06-09T11:31:47","modified_gmt":"2016-06-09T09:31:47","slug":"1990-eine-halleiner-integrationsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2016\/06\/09\/1990-eine-halleiner-integrationsgeschichte\/","title":{"rendered":"1990. Eine Halleiner Integrationsgeschichte"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p>Meine Mutter war einer der Fl\u00fcchtlinge 1990. Eine von 115.000 Personen, die ihre Heimat verlassen mussten und nur mit einer Reisetasche und der Kleidung am Leib nach \u00d6sterreich kamen. Sie hatte es gerade einmal geschafft, ihre Matura in Tuzla (Bosnien) abzuschlie\u00dfen, da hatten die Bombenanschl\u00e4ge auch schon begonnen. Die Maturafeier und auch einen Maturaball, das schmerzt sie bis heute sehr, durfte sie nie erleben. Es w\u00e4re dilettantisch, die Jugoslawienkriege mit dem arabischen Fr\u00fchling zu vergleichen. Obwohl, einige Gemeinsamkeiten gibt es: St\u00e4dte werden zerst\u00f6rt, Menschen bedroht und ermordet, Zivilcourage in den Nachbarl\u00e4ndern ist gefragter denn je. Warum war es also\u00a0 damals kein Thema, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen? Was k\u00f6nnen wir f\u00fcr die jetzige Krise aus dieser Erfahrung mitnehmen?<\/p>\n<p>Neuigkeiten verbreiten sich heute, im Gegensatz zu damals, wesentlich schneller. Das Internet und auch die Social Media Kan\u00e4le bieten eine ganz andere M\u00f6glichkeiten zum Informationsaustausch. Aber nicht nur das ist anders. Die vorherrschende Situation innerhalb der Bev\u00f6lkerung ist eine andere.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfeltern waren bereits in den 1970er Jahren als Gastarbeiter_innen nach \u00d6sterreich gekommen. Mit vier Jahren betrat also meine Mutter zum ersten Mal \u00f6sterreichischen Boden. Besonders gefallen hat es ihr in Salzburg aber nicht.<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr mich war es ein einziger Kulturschock. Ich habe so viel geweint. Besonders gut in Erinnerung geblieben ist mir ein Gasthof namens Mina, bei dem man H\u00fchnchen mit Pommes und Salat, aber ohne Brot (!) serviert bekam. Der reinste Weltuntergang f\u00fcr eine Vierj\u00e4hrige, die nichts anderes kennt. Mir war es au\u00dferdem verboten, das Leitungswasser zu trinken und das wohl schlimmste Erlebnis war der Brand der damaligen Papierfabrik in Hallein. Ich habe das Brennen gesehen und meine Eltern angefleht, mich zu meiner Gro\u00dfmutter nach Bosnien zu bringen. Ich wollte keine Sekunde l\u00e4nger in \u00d6sterreich bleiben und es riskieren am lebendigen Leibe zu verbrennen. Meine Eltern h\u00f6rten auf mich, und ich durfte bei meiner Gro\u00dfmutter aufwachsen. Im Nachhinein muss ich fast ein bisschen lachen \u00fcber mein kleines damaliges Ich.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als junge Erwachsene kommt meine Mutter unfreiwillig zur\u00fcck nach \u00d6sterreich. Rein rechtlich gesehen ist sie ein Fl\u00fcchtling. Nachdem meine Gro\u00dfmutter aber die &#8220;richtigen&#8221; Leute kennt, beschleunigt sich das Verfahren und meine Mutter bekommt prompt eine Arbeitserlaubnis, mit der sie sofort in einer Fabrik zu arbeiten anf\u00e4ngt. Das ist in unserer jetzigen Situation \u00fcberhaupt nicht vorstellbar. Fl\u00fcchtlinge d\u00fcrfen nicht arbeiten gehen. Seit einer Versch\u00e4rfung des Gesetzes 2004 unter Schwarz-Blau gibt es nur mehr kurzfristige Besch\u00e4ftigungsbewilligungen f\u00fcr Saison- und Erntearbeit sowie gemeinn\u00fctzige T\u00e4tigkeiten mit geringer Entsch\u00e4digung. Wer mehr als 110 Euro verdient, l\u00e4uft Gefahr, nach Ende des Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisses keine Grundversorgung und damit auch keine Krankenversicherung mehr zu bekommen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-447 size-large\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/bosnia-1349466-1024x683.jpg\" alt=\"bosnia-1349466\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/bosnia-1349466-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/bosnia-1349466-300x200.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/bosnia-1349466-768x512.jpg 768w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/bosnia-1349466-1170x780.jpg 1170w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/bosnia-1349466-585x390.jpg 585w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/bosnia-1349466-440x293.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p>Meine beiden Tanten werden in die Schule geschickt. Zur Erlernung der neuen Sprache stuft man beide eine Klasse zur\u00fcck, als sie bisher gegangen waren. Schulpflichtige Kinder m\u00fcssen auch im Jahre 2016 die Schulbank dr\u00fccken, alle Klassen dar\u00fcber liegen im Ermessen der Direktor_innen, die sich aussuchen k\u00f6nnen, ob und welche Kinder sie in ihre Schule aufnehmen.<\/p>\n<p>Das Leben bricht \u00fcber meine Mutter herein und man wohnt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung zu f\u00fcnft. Mutter, Vater und drei T\u00f6chter auf engstem Raum. Privatsph\u00e4re? Ein Fremdwort. Auch heute leben die Fl\u00fcchtlinge auf engstem Raum in Zeltst\u00e4dten und Wohnheimen. Die Wenigsten haben den &#8220;Luxus&#8221;, zusammengepfercht in einer Wohnung mit der eigenen Familie leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter lernen sich meine Eltern kennen und ziehen zusammen. Es dauert nicht lange, bis ich komme und allen das Leben versch\u00f6nere &#8211; an dieser Stelle lacht meine Mutter immer.<\/p>\n<p>Die \u00d6sterreicher_innen besa\u00dfen damals, rein materiell gesehen, viel weniger als jetzt. Die Angst, dieses Bisschen zu verlieren war auch relativ gering. Jetzt leben viele von uns im \u00dcberfluss und m\u00f6chten trotzdem nichts davon hergeben.<\/p>\n<p>Die geographische Lage der beiden L\u00e4nder, n\u00e4mlich Ex-Jugoslawien und Syrien in Bezug auf \u00d6sterreich muss man sich auch immer wieder vor Augen f\u00fchren. Der Weg nach \u00d6sterreich war ein ganz anderer. Die Mentalit\u00e4ten bzw. die Kulturen waren unterschiedlich, dennoch versteht man das Elend und den Krieg, welche vor der Haust\u00fcr stattfanden, immer besser, als die auf einem anderen Kontinent und einem Ozean dazwischen.<\/p>\n<p>Die Integration hat bereits damals nicht optimal funktioniert und so lebe auch ich heute in zwei voneinander getrennten Gesellschaften: einerseits in der ex-jugoslawischen Community, die sich Restaurants, Gesch\u00e4fte, Lokale uvm. aufgebaut hat und so niemals ihre Blase verlassen muss und unter sich bleibt. Andererseits habe ich auch viele \u00f6sterreichische Freund_innen, die solche Lokalit\u00e4ten aufgrund der enormen Ausl\u00e4nder_innenzahl nicht besuchen m\u00f6chten (Ausnahmen inbegriffen). Sollte auch diesmal so mit den Menschen umgegangen werden, und diesen Anschein hat es gerade, dann wird sich auch aus der jetzigen Fl\u00fcchtlingswelle eine Parallelgesellschaft aufbauen und \u00d6sterreich wird nur noch mehr gespalten.<\/p>\n<blockquote><p>Es braucht ein Miteinander anstatt eines Neben- oder gar Gegeneinanders. Deshalb w\u00e4re direkter Kontakt mit Fl\u00fcchtlingen die beste Methode, Ber\u00fchrungsangst zu verlieren. Es gibt so viele verschiedene Veranstaltungen und Projekte bei denen man mit Fl\u00fcchtlingen in Kontakt treten kann.<\/p><\/blockquote>\n<p>An den \u00f6sterreichischen Universit\u00e4ten gibt es das <a href=\"http:\/\/uniko.ac.at\/projekte\/more\/\">MORE Projekt<\/a>, bei dem man mitmachen kann. In Salzburg gibt es unter anderem ein Buddy Network, bei dem jedem Fl\u00fcchtling ein_e \u00f6sterreichische_r\u00a0 Studierende_r zugeteilt wird und mit ihnen verschiedene Freizeitaktivit\u00e4ten machen k\u00f6nnen bzw. ihnen die Stadt zeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Mutter war einer der Fl\u00fcchtlinge 1990. Eine von 115.000 Personen, die ihre Heimat verlassen mussten und nur mit einer Reisetasche und der Kleidung am Leib nach \u00d6sterreich kamen. 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