{"id":491,"date":"2016-06-12T12:05:05","date_gmt":"2016-06-12T10:05:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=491"},"modified":"2016-06-12T22:29:30","modified_gmt":"2016-06-12T20:29:30","slug":"der-erste-deutsche-voelkermord-im-zwanzigsten-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2016\/06\/12\/der-erste-deutsche-voelkermord-im-zwanzigsten-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Der erste deutsche V\u00f6lkermord im 20. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p>Anfang Juni stufte der Deutsche Bundestag in einer <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/bundestag-armenien-resolution-im-wortlaut-a-1095397.html\" target=\"_blank\">Resolution<\/a> den Massenmord an rund 1,5 Millionen Armenier_innen im Jahr 1915 als Genozid ein und wies dabei auf die historische Verantwortung Deutschlands hin:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDer Bundestag bedauert die unr\u00fchmliche Rolle des Deutschen Reiches, das als milit\u00e4rischer Hauptverb\u00fcndeter des Osmanischen Reichs trotz eindeutiger Informationen auch von Seiten deutscher Diplomaten und Missionare \u00fcber die organisierte Vertreibung und Vernichtung der Armenier nicht versucht hat, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu stoppen.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die T\u00fcrkei hingegen bezeichnete die Resolution in einer ersten Reaktion als <em>\u201el\u00e4cherlich<\/em>\u201c und weigert sich weiterhin, eine sachliche Diskussion dar\u00fcber zu f\u00fchren. Wenige Tage sp\u00e4ter folgte die Retourkutsche aus Ankara: Pr\u00e4sident Erdogan erinnerte an die deutsche Schuld am Holocaust und am V\u00f6lkermord an den Herero und Nama in Namibia.<\/p>\n<h5><strong>Der andere V\u00f6lkermord<br \/>\n<\/strong><\/h5>\n<p>Das deutsche Parlament konnte sich bis heute nicht dazu durchringen, die Vorkommnisse in der ehemaligen Kolonie <em>\u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c<\/em> als <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2016\/kw11-de-voelkermord-afrika\/413646\" target=\"_blank\">Genozid<\/a> zu bezeichnen. Dennoch steht fest: Der V\u00f6lkermord in Namibia fand elf Jahre vor dem V\u00f6lkermord in Armenien statt und war somit das erste derartige Verbrechen im 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Im Deutschen Reich setzte die Welle kolonialer Begeisterung erst sp\u00e4t ein und war von der Furcht getrieben, dass man bei der fortschreitenden <em>\u201eAufteilung der Welt\u201c<\/em> zu kurz kommen k\u00f6nnte. 1884 gelangten die ersten 580.000 Quadratkilometer in S\u00fcdwestafrika unter offiziellem <em>\u201eReichsschutz\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-498 aligncenter\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero_deutsche-kolonialzeit.jpg\" alt=\"herero_deutsche-kolonialzeit\" width=\"500\" height=\"348\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero_deutsche-kolonialzeit.jpg 500w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero_deutsche-kolonialzeit-300x209.jpg 300w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero_deutsche-kolonialzeit-440x306.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><br \/>\n<em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Herero.jpg\" target=\"_blank\">Public Domain<\/a>: Text auf der H\u00fclle: &#8221;Heidnische Hereros&#8221; \/\/ formale Bemerkung:<br \/>\nRepro Retuschen kleiner Schichtfehler \/\/ Photograph: Schutz; Heuberg, M. \/\/ Region: DSWA Namibia<\/em><\/p>\n<p>Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kamen 16 Millionen Quadratkilometer afrikanischen Bodens und mehr als hundert Millionen Afrikaner_innen unter europ\u00e4ische Herrschaft. Willk\u00fcrlich wurden Demarkationslinien festgelegt, die quer durch die Lebensr\u00e4ume der einheimischen Ethnien verliefen. Die Afrikaner_innen wurden schrittweise aus ihren Wohngebieten verdr\u00e4ngt und in Reservate gepfercht. Die christliche Mission beteiligte sich ebenfalls an diesem unduldsamen Kulturimperialismus.<\/p>\n<h5><strong>Die Geschichte eines brutalen Herrentums<\/strong><\/h5>\n<p>Schlie\u00dflich wagte Stammesf\u00fchrer Samuel Maharero im Jahr 1904 den Aufstand gegen Knechtschaft und Unterdr\u00fcckung. Die Deutschen zeigten sich zun\u00e4chst emp\u00f6rt, geh\u00f6rte <em>\u201edie Widerspenstigkeit von Neger_innen\u201c<\/em> doch so \u00fcberhaupt nicht in ihr Weltbild. Daniel Kariko, ein weiterer hochrangiger Herero-Vertreter meinte dazu:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8220;Unsere Leute wurden erschossen und ermordet, unsere Frauen missbraucht, und die es taten, wurden nicht bestraft. Unsere Chiefs berieten sich und entschieden, dass Krieg nicht schlimmer sein k\u00f6nnte als das, was wir durchlitten.&#8221;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Herero versuchten daraufhin, ihr Land zu befreien und die Kolonist_innen von ihren Farmen zu vertreiben. Kaiser Wilhelm II. \u00fcbertrug daraufhin Generalleutnant <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/hereros-in-deutsch-suedwestafrika-der-andere-voelkermord-1.2454826-2\" target=\"_blank\">Lothar von Trotha<\/a> den Oberbefehl, den Aufstand niederzuschlagen. Nachdem eine Gro\u00dfoffensive im August mit rund 4.000 deutschen Soldaten misslang, wurden die Herero in das Omaheke, ein wasserloses Sandfeld der Kalahari, getrieben.<\/p>\n<p>Am 2. Oktober 1904 erteilte von Trotha schlie\u00dflich einen <em>\u201eVernichtungsbefehl\u201c<\/em> gegen die Herero:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDas Volk der Herero muss jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr (Gesch\u00fctz) dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber, Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zur\u00fcck oder lasse auch auf sie schie\u00dfen. Dies sind meine Worte an das Volk der Herero. Der gro\u00dfe General des m\u00e4chtigen deutschen Kanzlers.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Herero wurden immer weiter in die W\u00fcste getrieben, w\u00e4hrend deutsche Soldaten systematisch die wenigen Wasserl\u00f6cher besetzten. Obwohl nicht alle Offiziere diese Vernichtungsstrategie bef\u00fcrworteten, blieb von Trotha unerbittlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-494 aligncenter\" src=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero-omaheke-sandfeld.jpg\" alt=\"herero-omaheke-sandfeld\" width=\"600\" height=\"749\" srcset=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero-omaheke-sandfeld.jpg 600w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero-omaheke-sandfeld-240x300.jpg 240w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero-omaheke-sandfeld-440x549.jpg 440w, https:\/\/hallo-salzburg.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/herero-omaheke-sandfeld-585x730.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><br \/>\n<em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Zimmerer%2BZeller_Genocide_in_GSWA_p.137.jpg\" target=\"_blank\">Public Domain<\/a>: P. 137 of &#8220;Genocide in German South-West Africa: The Colonial War of 1904-1908 <\/em><br \/>\n<em>and Its Aftermath&#8221;, by Jurgen Zimmerer, Joachim Zeller and E. J. Neather, Merlin Press (December 1, 2007)<\/em><\/p>\n<p><em>Der Spiegel<\/em> merkte dazu in einer Reportage an:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDass nicht alle Herero umkamen, lag daran, dass es zu viele Truppen gebunden h\u00e4tte, sie vollst\u00e4ndig aus dem \u201aSchutzgebiet\u2018 herauszuhalten. Die deutschen Soldaten wurden zudem gebraucht, um die weiter s\u00fcdlich lebenden Nama \u2013 von den Deutschen absch\u00e4tzig \u201aHottentotten\u2018 genannt \u2013 zu bek\u00e4mpfen.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Im Dezember 1904 befahl Kaiser Wilhelm II. schlie\u00dflich, <em>&#8220;Konzentrationslager f\u00fcr die einstweilige Unterbringung und Unterhaltung der Reste des Herero-Volkes&#8221;<\/em> einzurichten. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter waren rund 9.000 Herero inhaftiert. Frauen wurden vor Eselskarren gespannt und mussten bis zur v\u00f6lligen Entkr\u00e4ftung Steine transportieren. Desolate hygienische Zust\u00e4nde, Krankheiten und mangelhafte Ern\u00e4hrung waren allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p><strong>Bis 1907 wurden insgesamt 15.000 Herero und 2.000 Nama inhaftiert, 7.682 davon starben in den Konzentrationslagern.<\/strong><\/p>\n<p>Wirtschaftliche \u00dcberlegungen verhinderten schlie\u00dflich die v\u00f6llige Vernichtung der Herero und Nama. Denn f\u00fcr das Deutsche Reich waren die Eingeborenen f\u00fcr Ackerbau und Viehzucht unersetzlich. Eine Wiedergutmachung, sofern man \u00fcberhaupt davon sprechen kann, steht bis heute aus.<\/p>\n<p><em>Titelfoto:<\/em> &#8220;Der Wahre Jacob&#8221;, Nr. 483.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang Juni stufte der Deutsche Bundestag in einer Resolution den Massenmord an rund 1,5 Millionen Armenier_innen im Jahr 1915 als Genozid ein und wies dabei auf die historische Verantwortung Deutschlands&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":488,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[14],"tags":[177,173,170,171,174,172,175,176,169],"coauthors":[],"class_list":["post-491","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","tag-daniel-kariko","tag-deutschland","tag-genozid","tag-herero","tag-lothar-von-trotha","tag-nama","tag-namibia","tag-samuel-maharero","tag-voelkermord"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=491"}],"version-history":[{"count":29,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":522,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/491\/revisions\/522"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/488"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=491"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}