{"id":5975,"date":"2020-06-23T08:55:42","date_gmt":"2020-06-23T06:55:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=5975"},"modified":"2020-06-24T11:05:56","modified_gmt":"2020-06-24T09:05:56","slug":"die-ausschreibung-der-salzburger-frauenhaeuser-muss-gestoppt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2020\/06\/23\/die-ausschreibung-der-salzburger-frauenhaeuser-muss-gestoppt-werden\/","title":{"rendered":"Die Ausschreibung der Salzburger Frauenh\u00e4user muss gestoppt werden!"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n\n<p><em>Die \u00f6ffentliche Ausschreibung der Frauenh\u00e4user in Hallein und der Stadt Salzburg sorgt f\u00fcr heftige Kritik, sogar auf bundespolitischer Ebene. Erst letzten Samstag sind trotz Starkregens hunderte Menschen f\u00fcr den Erhalt der Frauenh\u00e4user auf die Stra\u00dfe gegangen. Hallo Salzburg hat <a href=\"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2020\/06\/20\/bevoelkerung-steht-hinter-frauenhaeusern-wir-werden-nicht-aufgeben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">berichtet<\/a>.<\/em><br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kommentar<\/h4>\n\n\n\n<p>Mit ihrem Vorsto\u00df, die Salzburger Frauenh\u00e4user EU-weit auszuschreiben, hat NEOS-Landesr\u00e4tin Andrea Klambauer f\u00fcr gro\u00dfe Aufregung gesorgt. Zurecht, denn ihr Vorhaben zeugt nicht nur von Unverst\u00e4ndnis, wenn es um die Geschichte der Autonomen Frauenbewegung geht, sondern zeigt auch, dass die Kostenfrage f\u00fcr die Landesr\u00e4tin wichtiger scheint, als einen tats\u00e4chlichen Schutz vor Gewalt zu bieten. S\u00e4mtliche Expert_innen warnen \u00f6sterreichweit davor, diese Ausschreibung wie angek\u00fcndigt durchzuf\u00fchren. Daf\u00fcr gibt es viele Gr\u00fcnde, die man nicht einfach so vom Tisch wischen darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuellen Zahlen zu Gewalt an Frauen zeigen sehr deutlich, dass Einrichtungen wie die Frauenh\u00e4user unverzichtbar sind und der Schutz der betroffenen Frauen oberste Priorit\u00e4t haben muss. In den 15 Einrichtungen der Autonomen Frauenh\u00e4user \u00d6sterreichs, zu denen auch die beiden betroffenen Frauenh\u00e4user im Land Salzburg z\u00e4hlen, wurden im Jahr 2018 insgesamt 1.253 Personen betreut \u2013 623 Frauen und 630 Kinder. Auch die Zahlen der Frauenmorde sind erschreckend und in den letzten Jahren wieder deutlich angestiegen. 2014 wurden in \u00d6sterreich noch 19 weibliche Mordopfer verzeichnet. 2019 waren es bereits 34 Frauen, die ermordet wurden. Erschreckend sind dabei auch die Zahlen zu den Betretungsverboten im Land Salzburg. Insgesamt wurden im Jahr 2018 524 Betretungsverbote im Land Salzburg verh\u00e4ngt. Dabei muss immer beachtet werden, dass die Dunkelziffer noch wesentlich h\u00f6her ist, weil viele Frauen Angst davor haben, Hilfe zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Covid-19 Beschr\u00e4nkungen hat sich die Situation noch weiter versch\u00e4rft, da es zu einem Anstieg von F\u00e4llen h\u00e4uslicher Gewalt gekommen ist. Gerade jetzt w\u00e4re es dringend notwendig, ausreichend finanzielle Mittel zur Verf\u00fcgung zu stellen, um das Angebot dem Bedarf anzupassen anstatt f\u00fcr Verunsicherung zu sorgen. Die Argumente von Landesr\u00e4tin Klambauer sind dabei faktenbefreit, wie im Folgenden deutlich sichtbar wird.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Finanzierung der Frauenh\u00e4user<\/h4>\n\n\n\n<p>Die beiden Frauenh\u00e4user in Salzburg werden j\u00e4hrlich mit 1,2 Millionen Euro gef\u00f6rdert. Das Geld reicht allerdings nicht, um den Betrieb der Frauenh\u00e4user aufrecht zu halten. Die Betreiberinnen der beiden Frauenh\u00e4user waren bereits bisher auf die Hilfsbereitschaft anderer angewiesen. So wird beispielsweise das Geb\u00e4ude, in dem sich das Frauenhaus Hallein befindet, von der Erzdi\u00f6zese mietfrei zur Verf\u00fcgung gestellt. Das Geb\u00e4ude in der Stadt Salzburg befindet sich im Eigentum der Wohnbaugenossenschaft \u201edieSalzburg\u201c, was bedeutet, dass die Mietausgaben die R\u00fcckzahlungsraten des Wohnbaukredites sind und damit wieder ans Land zur\u00fcck flie\u00dfen. Der Nachtdienst in Hallein kann nur durch Spenden finanziert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Landesr\u00e4tin Klambauer stockt nun im Zuge der Ausschreibung das Budget um 50.000,&#8211; Euro auf, verbindet dies allerdings zugleich mit der Auflage, mehr \u00dcbergangswohnungen f\u00fcr Frauen zur Verf\u00fcgung zu stellen. Da das Budget schon bisher zu gering war, um die Kosten zu decken, wird das \u2013 auch mit Blick auf die Wohnpreise in Salzburg \u2013 nicht m\u00f6glich sein.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Dolmetscher &amp; lange Aufenthalte<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Landesr\u00e4tin kritisiert auch einzelne Ausgaben der Frauenh\u00e4user aufs Sch\u00e4rfste. So wird beanstandet, dass immer noch Dolmetscher vor Ort \u00dcbersetzungsleistungen anbieten, anstatt auf die kosteng\u00fcnstige Variante der Video-Dolmetscher umzusteigen. Allerdings braucht es im Frauenhaus auch ein gewisses Ma\u00df an Sensibilit\u00e4t, eine reine \u00dcbersetzungsleistung ist da zu wenig. Es geht ja darum, Frauen und Kinder wieder in ein selbstbestimmtes Leben frei von Angst zu begleiten. Das erfordert ein hohes Ma\u00df an Sensibilit\u00e4t und Vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiters kritisiert Landesr\u00e4tin Klambauer, dass die Frauen zum Teil viel zu lange in der Einrichtung Frauenhaus bleiben und schneller wieder in eine eigene Wohnung ziehen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei muss man aber bedenken, dass Frauen, die ein Frauenhaus aufsuchen, meist eine lange Zeit des Leidens hinter sich haben. Dieses Leiden hinterl\u00e4sst deutliche Spuren, da es bei Frauen oft zu einem mangelnden Selbstwertgef\u00fchl f\u00fchrt, sie lange in Angst und Abh\u00e4ngigkeit leben. Das Frauenhaus begleitet diese Frauen. In manchen F\u00e4llen braucht das mehr Zeit als bei anderen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Datenschutz<\/h4>\n\n\n\n<p>Landesr\u00e4tin Klambauer kritisiert au\u00dferdem, dass sich die Frauenh\u00e4user weigern w\u00fcrden, die notwendigen Daten zur Verf\u00fcgung zu stellen. So erhielt das Frauenhaus Hallein ein Schreiben vom \u201eReferat 2\/05 \u2013 Frauen, Diversit\u00e4t und Chancengleichheit\u201c, in dem die Einsicht in Daten gefordert wurde. Hintergrund war ein Hinweis, dass sich eine Frau im Frauenhaus aufhalte, die keinen Gewaltschutz braucht. Das zust\u00e4ndige Referat verlangte Einsicht in die Dokumentation und eine Vor-Ort Kontrolle. Ein nahezu identes Schreiben ging kurze Zeit sp\u00e4ter an das Frauenhaus in der Stadt Salzburg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autonomen Frauenh\u00e4user in \u00d6sterreich haben strenge Aufnahmekriterien. Nat\u00fcrlich werden nur Frauen und Kinder aufgenommen, die Gewaltschutz brauchen. Eine Einsicht in die Dokumentation wird aus datenschutzrechtlichen Gr\u00fcnden verweigert und dient dem Schutz der Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Landesr\u00e4tin Klambauer agiert, als h\u00e4tten die Frauenh\u00e4user etwas zu verbergen und beklagt die Intransparenz. Da \u00d6sterreich allerdings die Istanbul-Konvention (\u00dcbereinkommen des Europarats zur Verh\u00fctung und Bek\u00e4mpfung von Gewalt gegen Frauen und h\u00e4uslicher Gewalt) ratifiziert hat, gibt es eine regelm\u00e4\u00dfige \u00dcberpr\u00fcfung der Gewaltschutzma\u00dfnahmen durch den Europarat. Die Ergebnisse werden im so genannten Grevio-Bericht festgehalten. Der letzte Bericht wurde 2016 erstellt, wo es hei\u00dft: <em>\u201eDer Verein Autonome \u00d6sterreichische Frauenh\u00e4user (A\u00d6F) stellt seit 1992 Daten aus allen A\u00d6F-Frauenh\u00e4usern in seiner Statistik zur Verf\u00fcgung. Dabei werden Daten aus allen A\u00d6F-Frauenh\u00e4usern, die vom Frauenhaus Neunkirchen gesammelt werden, ausgewertet. Die Statistik wird im Fortschrittsbericht des A\u00d6Fs und als separates Dokument ver\u00f6ffentlicht. Beide Dokumente k\u00f6nnen gratis unter www.aoef.at heruntergeladen werden.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Beanstandungen \u00fcber mangelnde Transparenz sind dort nicht zu finden, da der Datenschutz besonders bei Gewaltopfern zugleich dem Personenschutz dient.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Autonome Frauenbewegung<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Ausschreibung der Frauenh\u00e4user l\u00e4sst auch vermuten, dass sich Landesr\u00e4tin Klambauer bislang wohl kaum mit dem Thema Gewaltschutz in \u00d6sterreich auseinandergesetzt hat. Die Ausschreibung ist n\u00e4mlich ein Angriff auf die Autonomie der Frauenh\u00e4user, was ein kurzer R\u00fcckblick in die letzten Jahrzehnte klar belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die 1960er Jahre war Gewalt an Frauen kein Thema, \u00fcber das man in der \u00d6ffentlichkeit gesprochen hat. Gewalt in der Familie wurde als \u201ePrivatsache\u201c angesehen, in die sich der Staat nicht einmischen soll. Es ist der internationalen Frauenbewegung und insbesondere der Autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre zu verdanken, dass sich das ge\u00e4ndert hat. Es waren engagierte Frauen, die versucht haben, f\u00fcr Frauen, die von Gewalt betroffen sind, Schutz zu suchen. Gerade in den Anf\u00e4ngen waren das oft nur Betten, die zur Verf\u00fcgung gestellt wurden. Zum Teil haben diese engagierten Frauen bei denen, die von Gewalt betroffen waren, geschlafen, um sie zu sch\u00fctzen falls der Ehemann sie findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gruppe Sozialarbeiterinnen hat in dann ein sozialarbeiterisches Konzept f\u00fcr Frauenh\u00e4user ausgearbeitet und mit Unterst\u00fctzung von Johanna Dohnal wurde 1978 der Verein \u201eSoziale Hilfen f\u00fcr gef\u00e4hrdete Frauen und Kinder&#8221; ins Leben gerufen und noch im selben Jahr konnte dank finanzieller Unterst\u00fctzung der Gemeinde das erste Frauenhaus in Wien er\u00f6ffnet werden, das innerhalb k\u00fcrzester Zeit \u00fcberf\u00fcllt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anforderungen im Gewaltschutz &#8211; besonders in den Frauenh\u00e4usern &#8211; haben sich nat\u00fcrlich seitdem ver\u00e4ndert, die Frauenh\u00e4user haben aber auch die Rahmenbedingungen angepasst. Dieses Erbe der Autonomen Frauenbewegung dem freien Markt zu \u00fcberlassen, ist aus meiner Sicht eine Frechheit sondergleichen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Titelbild:&nbsp;<\/em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/service\/license\/\" target=\"_blank\"><em>Pixabay<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00f6ffentliche Ausschreibung der Frauenh\u00e4user in Hallein und der Stadt Salzburg sorgt f\u00fcr heftige Kritik, sogar auf bundespolitischer Ebene. 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