{"id":922,"date":"2016-07-15T18:56:42","date_gmt":"2016-07-15T16:56:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hallo-salzburg.at\/?p=922"},"modified":"2016-07-17T17:18:52","modified_gmt":"2016-07-17T15:18:52","slug":"die-arbeitermoerder-freigesprochen-der-justizpalastbrand-vom-15-juli-1927","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hallo-salzburg.at\/index.php\/2016\/07\/15\/die-arbeitermoerder-freigesprochen-der-justizpalastbrand-vom-15-juli-1927\/","title":{"rendered":"&#8220;Die Arbeiterm\u00f6rder freigesprochen&#8221;: Der Justizpalastbrand vom 15. Juli 1927"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb-root\"><\/div>\n<p>Es ist der 30. Januar 1927: Der rechtsextreme paramilit\u00e4rische Frontk\u00e4mpferverband hat eine Versammlung im burgenl\u00e4ndischen Schattendorf angek\u00fcndigt. Der Republikanische Schutzbund nimmt diese <em>&#8220;Provokation&#8221;<\/em> allerdings nicht hin und organisiert selbst eine nicht angemeldete Kundgebung. Die zahlenm\u00e4\u00dfig unterlegenen Frontk\u00e4mpfer ziehen sich nach mehreren kleineren Zusammenst\u00f6\u00dfen zur\u00fcck, der Schutzbund vertreibt sie in Richtung Mattersburg.<\/p>\n<p>Beim Gasthof Tscharmann kommt es aber wenig sp\u00e4ter zu einem erneuten Aufeinandertreffen. Ein paar ortsans\u00e4ssige Mitglieder des Frontk\u00e4mpferverbandes befinden sich noch im Geb\u00e4ude, welches ihnen zuvor als Sammelstelle diente. Es kommt zu tumultartigen Szenen, dann er\u00f6ffnen drei M\u00e4nner das Feuer auf vorbeigehende Schutzb\u00fcndler. Der Kriegsinvalide Matthias Csmarits und der Sch\u00fcler Josef Gr\u00f6ssing sterben direkt auf der Stra\u00dfe, acht weitere Personen werden verletzt.<\/p>\n<p>Diese Ereignisse im Bezirk Mattersburg sollten weitreichende Folgen f\u00fcr den weiteren Verlauf der 1. Republik haben. Denn das \u00f6sterreichweite Echo auf diese Vorf\u00e4lle war gewaltig, wie im <a href=\"http:\/\/www.dasrotewien.at\/schattendorf.html\" target=\"_blank\">Weblexikon<\/a> der Wiener Sozialdemokratie nachzulesen ist:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;In den meisten Fabriken Wiens kam es zu Protestkundgebungen, in mehreren Gro\u00dfbetrieben Wiens und des Wiener Neust\u00e4dter Gebietes auch zu spontanen Streiks. Am 2. Februar 1927, dem Tag des Begr\u00e4bnisses der beiden Opfer, wurde in ganz \u00d6sterreich ein 15 Minuten langer Generalstreik abgehalten. Tags darauf kam es zu einer tumultartigen Nationalratssitzung und schweren gegenseitigen Beschuldigungen zwischen konservativer Regierung und sozialdemokratischer Opposition.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die T\u00e4ter, unter anderem der Wirt und seine S\u00f6hne, wurden am 5. Juli vor Gericht gestellt. Bereits neun Tage sp\u00e4ter wurde das Urteil verk\u00fcndet: Freispruch in allen Anklagepunkten! <em>&#8220;Die Arbeiterm\u00f6rder freigesprochen&#8221;<\/em>, titelte daraufhin die <a href=\"http:\/\/www.dasrotewien.at\/bilder\/d37\/AZ_15Juli1927.pdf\" target=\"_blank\">Arbeiter-Zeitung<\/a>. Das <em>\u201eSchandurteil von Schattendorf\u201c<\/em> machte schnell die Runde. Wie schon unmittelbar nach der Tat kam es wieder zu einem schnell organisierten Generalstreik. Ausgel\u00f6st wurde er dieses Mal durch die Arbeiter_innen in den E-Werken, viele weitere Betriebe sollten folgen.<\/p>\n<p>Den spontanen Arbeitsniederlegungen folgten Demonstrationen in der Wiener Innenstadt. Die ersten Zusammenst\u00f6\u00dfe zwischen Arbeiter_innen und der Polizei ereigneten sich vor dem Hauptgeb\u00e4ude der Universit\u00e4t Wien. Dann eskalierte die ohnehin schon angespannte Situation in der N\u00e4he des Parlaments, wie der Historiker <a href=\"http:\/\/www.univie.ac.at\/unique\/uniquecms\/?p=2140\" target=\"_blank\">Laurin Rosenberg<\/a> schildert:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Es folgte der erste Einsatz von Schusswaffen durch die Polizei, die Demonstrant*innen wandten sich als Reaktion dem Justizpalast zu, wo eine gr\u00f6\u00dfere Polizeieinheit postiert war. Diese floh in das Geb\u00e4ude und schoss von dort in die Menge, die versuchte, in den Justizpalast einzudringen, was ihnen schlie\u00dflich auch gelang.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Akten und Inventar wurden dort aus den Fenstern geworfen und angez\u00fcndet. Kurz darauf fing das gesamte Geb\u00e4ude Feuer. Die Polizei versuchte die Demonstrant_innen aus dem Justizpalast zu entfernen und machte von ihren Schusswaffen Gebrauch. Die genaue Opferzahl ist bis zum heutigen Tag nicht bekannt. Man geht von 89 Todesopfern aus, darunter f\u00fcnf Polizisten. Weitere 600 Personen wurden schwer verletzt.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter st\u00fcrmten aufgebrachte Arbeiter_innen auch in Hernals mehrere Polizeidienststellen. Auch hier waren zahlreiche Verletzte zu beklagen. Zwei Menschen starben im Kugelhagel der Polizei. Ein weiterer Generalstreik, den die Eisenbahner zwei Tage lang aufrecht halten konnten, blieb ohne Erfolg.<\/p>\n<p>Nach den Ereignissen forderten die Sozialdemokrat_innen eine l\u00fcckenlose Aufarbeitung der Geschehnisse. Die b\u00fcrgerliche Mehrheit im Parlament lehnte dies aber ab. Bundeskanzler Ignaz Seipel meinte unger\u00fchrt: <em>&#8220;Verlangen Sie nichts vom Parlament und von der Regierung, was den Schuldigen gegen\u00fcber milde erscheint.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eKeine Milde!\u201c<\/em> Drei Jahre sp\u00e4ter wurde in Korneuburg bei Gott geschworen, diesen unerbittlichen Weg fortzusetzen. Man tat dies, bis die Demokratie endg\u00fcltig beseitigt war.<\/p>\n<p><em>Titelfoto:<\/em> Der Justizpalast, 1881 [<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Justizpalast_Vienna_2007_(68).JPG\" target=\"_blank\">Public Domain<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der 30. Januar 1927: Der rechtsextreme paramilit\u00e4rische Frontk\u00e4mpferverband hat eine Versammlung im burgenl\u00e4ndischen Schattendorf angek\u00fcndigt. 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