Kultur

CONTRA: Krampus

posted by Rebekka Mayrhofer 5. Dezember 2016 0 comments

KRAMPUS
CONTRA

Dieser Kommentar ist Teil einer PRO & CONTRA Serie. Das Ziel besteht darin, inhaltliche Debatten gesellschaftlichen und politischen Themen zu fördern.  Ein Beitrag von Rebekka Mayrhofer.
Der PRO-Beitrag zum Thema stammt von Thomas Wimmer.


 

In einem Land wie Österreich, in dem die Prügelstrafe verboten ist, ist ein Brauch, der diese symbolisch und praktisch vertritt, mehr als zu hinterfragen.

Der Krampusbrauch ist besonders in Salzburg stark ausgeprägt. Unter dem Deckmantel der Brauchtumspflege finden landauf  und landab zahlreiche Krampusläufe statt. Ursprünglich ist die Krampusfigur die Begleiterin des Nikolaus und soll unartige Kinder mit der Rute bestrafen.Früher waren der fünfte und sechste Dezember, dem Nikolausbrauch entsprechend, die Krampustage. So lange ich mich jedoch zurückerinnern kann, wird dieser Brauch immer mehr ausgeweitet; nicht nur den Zeitraum, sondern auch die Requisiten betreffend: So finden Clubbings mit Krampussen statt (Brauchtum?), die Krampusse kommen auf Quads angefahren, springen von Dächern, sitzen in Käfigen (Brauchtum?), die Passen werden durch sexy Engelchen/Teufelchen ergänzt (Brauchtum?) und ihre Masken haben LED-Lichter und sehen teils wie Orks und Horrorfiguren aus modernen Filmen aus (Brauchtum?).

Brauchtumspflege hin oder her: es darf nicht sein, dass Bürger_innen in ihrer Bewegungsfreiheit dermaßen eingeschränkt werden.

Von Mitte November bis Mitte Dezember finden Schauläufe statt. Besonders in der Stadt Salzburg entkommt man ihnen kaum. Bei diesen Läufen wird nicht zwischen Passant_innen, die das Pech haben, in einen Lauf hineingeraten zu sein und aktiven Zuseher_innen differenziert. Wer dem Krampus vor die Rute kommt, wird geschlagen. Oft hört man, dass man nicht zu den Läufen gehen muss, wenn man den Brauch nicht schätzt. Das würde in Salzburg bedeuten, dass man von Mitte November bis Mitte Dezember ab 16.30 Uhr das Haus nicht mehr verlässt. Brauchtumspflege hin oder her: es darf nicht sein, dass Bürger_innen in ihrer Bewegungsfreiheit dermaßen eingeschränkt werden. Würden wir das Maibaumaufstellen nun von Mitte April bis Mitte Mai zelebrieren und jeden Tag einen Maibaum aufstellen, wäre die Verwunderung wohl groß. Das würde auf wenig Verständnis stoßen. Im Gegensatz zu Krampusläufen ist wohl aber die Zahl jener, die Angst vorm Maibaumaufstellen haben, verschwindend gering.

In einem Land wie Österreich, in dem die Prügelstrafe verboten ist, ist ein Brauch, der diese symbolisch und praktisch vertritt, mehr als zu hinterfragen. Wenn ich heutzutage von jemandem geschlagen werde, so ist das ein Fall für die Polizei. Schlägt mich jedoch eine als Krampus auftretende Person, so ist das Brauchtumspflege! Besonders unverständlich ist mir, warum vor allem auf jene, die offensichtlich Angst haben, losgegangen wird. Was bringt einen Menschen dazu, einer offenbar verängstigten Person noch mehr Angst einzujagen? Ist es das Gefühl machtvoll zu sein?

Die Anonymität der Maske birgt Risiken. Nicht selten passieren Unfälle. Mittlerweile müssen Läufer_innen aufgrund verschiedener Vorkommnisse Nummern tragen, um identifizierbar zu sein und Ordner_innen sorgen für den ordnungsgemäßen Ablauf der Schauläufe. Das alles ändert jedoch nichts am Grundproblem. Ja, wir haben eine reiche Brauchtumsgeschichte, die wohl Teil unserer österreichischen Identität ist. Aber nur, weil etwas immer schon so war, bedeutet das nicht, dass es gut war. Der viel besagte europäische, aufgeklärte Mensch zeichnet sich durch eines aus – er ist vernunftbegabt und hinterfragt. Ich hinterfrage, ob es wirklich gut ist, einen Brauch zu erhalten, der für eine Pädagogik der Angst und Prügelstrafe steht. Ebenso hinterfrage ich, wenn die Kommerzialisierung dieses Brauchs mit dem Argument der Tradition gerechtfertigt wird.

 

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