Gesellschaft

Zwischen Volkstümlichkeit und Volkstümelei

posted by Daniel Winter 29. Januar 2017 0 comments
Gedanken im Fieberwahn zu den Schürzenjägern und Gabalier.

Ich gebe es zu: Als ich noch ein kleines Kind war, damals in den 1990er-Jahren, war ich ein großer Fan der Zillertaler Schürzenjäger. Neben dem cooleren Hubert von Goisern und den weniger coolen Klostertalern waren sie die Helden meiner Kindergartentage. Nicht ohne Zufall setzte ich damals auch meinen kindlichen Willen durch, unbedingt Steirische Harmonika lernen zu wollen. Doch das sei nur am Rande erwähnt. Ebenso nur eine Nebenrolle spielt der Umstand, dass sich am vergangenen Wochenende – wie vermutlich im Moment bei vielen – mein Aktionsradius dank eines Magen-Darm-Infekts auf Schlaf- und Badezimmer beschränkte. Wer krank ist, hat Zeit, und macht Dinge, die er oder sie schon lange nicht mehr getan hat.

 

Willkommen Europa, neues Land der alten Welt,
hast nach tausend Jahren Tränen,
Deine Weichen neu gestellt.
Willkommen Europa, Wiege der Vergangenheit,
zeigst der Welt die neue Zukunft,
Einigkeit und Menschlichkeit

Laß nicht Kriege Grenzen bauen
öffne Deine Schranken weit,
gib die Kraft uns zu vertrauen,
Brüder einer neuen Zeit.
(Schürzenjäger, “Willkommen Europa”, 1992)

Richtig, ich habe mir auf Youtube ein paar der alten Lieder der Schürzenjäger angehört. Und dabei sind mir drei Dinge aufgefallen, die für mich reichen, sie einer breiteren Schar von Menschen mitzuteilen. Erstens: Es ist erstaunlich, wie gut man sich Texte von Liedern merken kann, die man bereits vergessen hatte. Zweitens: Mir war bis heute nicht bewusst, dass meine Weltanschauung bereits in junger Kindheit von einer volkstümlichen Musikgruppe aus dem Zillertal in Tirol (mit-)geprägt wurde. Einer Band, die 1998 sogar zur UNHCR Botschafterin des “Guten Willens” auserkoren wurde. Und das wiederum brachte mich zu einem dritten Punkt: In vielen Bereichen des kulturellen und öffentlichen Lebens ist seit den 1990er-Jahren Volkstümelei anstelle von Volkstümlichkeit gerückt, und schuld daran sind – auch – die linken und progressiven Menschen in diesem Land.

Bei oam is die Hautfarb’, bei mir san’s die Haar
und langsam riech’ i die Gefahr:
Gestern wird morgen und des macht mir Sorgen
dass’ wieder wird wie’s schon war.

Der Franz wollt’ als Bua nur immer sei Ruah
denn er war recht schwach auf der Brust.
Drum ham’s nach der Schul’ immer no auf ihn g’wart’
Der haut net z’ruck, des ham’s g’wusst.

Heut is des anders, heut is er wer
am Head nur sein Skin und net mehr
Und schaut oaner nit ganz so aus wie er
dann nimmer sich’n glei ordentlich her.

Des is koa Film, des is leider wahr
und langsam riech’ i die Gefahr […]
(Schürzenjäger, “Gestern wird Morgen”, 1993)

Fest steht: Die gute alte Zeit gibt es nicht. Vor allem im Hinblick auf den Rechtspopulismus in Österreich waren die 1990er-Jahre jenes Jahrzehnt, welches für den Aufstieg Jörg Haiders steht und für die Etablierung einer FPÖ, die gerade mit fremdenfeindlichen Parolen und Volkstümelei (Protest-)Stimmen erringen konnte. Dennoch ist der Unterschied zwischen dem Rock’n’Roll im Zillertal der 1990er Jahre und dem Volks Rock’n’Roller der Gegenwart ein frappierender. Irgendetwas muss in der Zwischenzeit passiert sein. Ich gebe es zu: Ich habe keine Ahnung von Andreas Gabalier. Ich kenne seine Musik nicht und ich habe auch keine Lust, mich damit auseinandersetzen. Kein Fieberschub dieser Welt könnte das ändern. Es reicht mir schon, wenn ich ihn als Adabei am Rande der Live-Übertragung der Hahnenkammabfahrt auf der Streif sehen muss. Umso mehr reichen mir seine öffentlichen Aussagen, um mir ein Urteil zu bilden. Er bekämpft aktiv die neue geschlechtergerechte Version der österreichischen Bundeshymne und Männer, die sich küssen, machen ihm offenbar Angst.

Man hat’s nicht leicht auf der Welt, wenn man als Manderl noch auf ein Weiberl steht.
(Andreas Gabalier, 2015)

Solche Aussagen und ein Albencover, das an die Swastika erinnert, hin oder her: Mit der Frage, wie rechts Andreas Gabalier ist, haben sich schon andere beschäftigt. Die spannende Frage lautet: In welcher Zeit leben wir, wenn Promis und Künstler_innen, die sich für Menschlichkeit und Toleranz einsetzen, als böse Vertreter_innen der Haute volé bezeichnet werden, während jene mit einem Weltbild von Vorgestern als Inbegriff österreichischer Volkskultur gefeiert werden?

Wir dürfen traditionelle österreichische Ausdrucksformen nicht den Traditionalist_innen überlassen.

Ressentiments gibt es nicht nur unter jenen Menschen, die sich vor dem Neuen fürchten, sondern auch unter den Leuten, die sich selbst gerne als weltoffen bezeichnen. Als unser Bundespräsident Alexander Van der Bellen im Wahlkampf mit Tracht erblickt wurde, rümpften viele Linke die Nase und werteten seine Kleidungswahl beinahe als Verrat. Doch aufgewacht! Der durchschnittliche Österreicher in Lederhose möchte sein Kleidungsstück nicht als politisches Statement verstanden wissen. Dasselbe gilt für die durchschnittliche Österreicherin im traditionellen oder modischen Dirndl. Sie tragen ihre Tracht, weil sie ihnen gefällt.

Das Bierzelt kann nichts dafür

Seitdem die FPÖ die Bierzelte erobert hat, scheint es, als sei dieses Terrain von vielen politischen und gesellschaftlichen Gruppen zur feindlichen Zone erklärt worden. Dabei vergessen sie, dass es immer das Bierzelt der freiwilligen Feuerwehr, das Bierzelt der Musikkapelle, das Bierzelt von welchem ehrenamtlichen Verein auch immer ist. Der Zweck eines Bierzeltes ist nicht Pograpschen, sondern Geselligkeit. Und den Veranstaler_innen dient es dazu, ihre Vereinskassa aufzufüllen. Wer das Bierzelt, den Maibaum (auch wenn er blöderweise am 1. Mai aufgestellt wird) und die traditionellen Formen österreichischer Volkskultur verachtet, darf sich nicht wundern, wenn sich die Menschen vor den Kopf gestoßen fühlen, aber von populistischen Scharfmacher_innen verstanden. Die immerhin sind da, wo die Menschen sind. Sie sind nicht nur populistisch, sondern auch volksnah. Zwei an sich unterschiedliche Dinge, die leider das Gleiche sind, solange die politisch progressive Hälfte Österreichs den Unterschied nicht begreift. Ob Musiker_innen wie die Schürzenjäger, Hubert von Goisern, STS, und EAV, oder die Gabaliers auf der Bühne stehen, unterliegt mehr oder weniger dem Zufall. Aus politischer Sicht ist die Volkskultur zu wichtig, dem Zufall überlassen zu werden. ÖVP und FPÖ haben das verstanden, die progressiven Parteien – über weite Strecken – noch nicht.

PS: Ich möchte mit diesem Text keine Meinungsaussage über Musikgeschmäcker machen. Jede_r sollte die Musik horchen die ihm oder ihr gefällt. Über Geschmack lässt sich eben nicht streiten.

Foto: Manfred Werner

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