Politik

Ohne Geld kein Studium? Wie ÖVP und Grüne den österreichischen Hochschulzugang einschränken

posted by Redaktion 3. September 2021 0 comments

ÖVP und Grüne setzten im vergangenen Jahr das um, wogegen Studierende seit jeher Sturm laufen: Das Gesetz der türkis-grünen Regierung bedeutet eine deutliche Verschlechterung für Studentinnen und Studenten. Insbesondere Berufstätigen wird das Studieren erschwert. Das belastet vor allem Studierende, deren Eltern keine Akademiker*innen sind und die arbeiten müssen, um sich ein Studium leisten können.

Wer arbeiten muss und nicht schnell genug studiert, fliegt aus dem Studium

Studierende machen Party, genießen das Leben auf Kosten ihrer Eltern und haben sowieso nur Spaß. Vorurteile wie diese halten sich hartnäckig, die Realität jedoch sieht anders aus. In Österreich arbeiten 65% der Studierenden neben dem Studium, durchschnittlich 13 Stunden pro Woche. Und obwohl dies der Fall ist, werden arbeitende Studierende, die wichtige gesellschaftliche Aufgaben übernehmen und einen höheren Gesamtaufwand haben als „Vollzeitstudierende“, nicht entlastet, sondern bestraft.

Seit 2018 müssen auch erwerbstätige Studierende Studiengebühren zahlen, wenn sie mehr als ein Jahr länger studieren, als die Mindeststudienzeit es vorsieht. Personen, deren Eltern das Studium ihres Kindes nicht einfach so bezahlen können, haben somit einen klaren Nachteil.”

Marc-Alexander Munshi, Vorsitzender des Verbands Sozialistischer Studierender (VSStÖ) Salzburgs

„Seit 2018 müssen auch erwerbstätige Studierende Studiengebühren zahlen, wenn sie mehr als ein Jahr länger studieren, als die Mindeststudienzeit es vorsieht. Personen, deren Eltern das Studium ihres Kindes nicht einfach so bezahlen können, haben somit einen klaren Nachteil. Erwerbstätigen Studierenden muss eine Befreiung von den Studiengebühren dringend wieder ermöglicht werden.“ erklärt Marc-Alexander Munshi, der Vorsitzende des Verbands Sozialistischer Studierender (VSStÖ) Salzburgs.

Die türkis-grüne Bundesregierung, die umfangreiche Novellierungen des Universitätsgesetzes durchgeführt hat, hat nicht versucht, Lösungen für jene, die neben dem Studium Geld verdienen müssen, zu finden. Stattdessen wurde die Situation durch die Einführung einer Mindeststudienleistung sogar noch verschärft.

Berufstätige Studierende werden bestraft

Tatsächlich zeigt sich, dass Personen, deren Eltern ein höheres Bildungsniveau aufweisen an den österreichischen Hochschulen deutlich überrepräsentiert sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass Personen, deren Eltern selbst bildungsnah sind, ein Studium aufnehmen, ist mehr als doppelt so hoch, als bei denen, deren Eltern bildungsferner sind. Personen, deren Eltern selbst bildungsnahe sind, können auch deutlich öfter auf die finanzielle Unterstützung der Eltern zählen.

Die, deren Eltern sich das Studium des Kindes aber nicht so einfach leisten können, müssen neben dem Studium arbeiten gehen. Wer sich nun fragt, ob man in Österreich denn nicht staatlich unterstützt werde, wenn man eine schlechtere, finanzielle Ausgangssituation hat und jung ist, hat natürlich nicht unrecht. Die Höchstbeihilfe beträgt 841 Euro für Studierende, die nachweislich nicht pendeln können und älter als 24 Jahre sind, Vollweisen sind oder sich bereits mindestens 4 Jahre lang „selbst erhalten“, also gearbeitet und Geld verdient, haben.

 Für jene, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen, fällt die Studienbeihilfe geringer aus und beträgt etwa 500 Euro monatlich, zu welcher die Familienbeihilfe in Höhe von 165,10 Euro hinzukommen kann. Nach der Überschreitung der Regelstudienzeit plus einem Toleranzsemester kann keine Studienbeihilfe mehr bezogen werden.

Studierende mit Job brauchen länger fürs Studium

Wer sich entscheidet, neben dem Studium einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, um das monatliche Gesamtbudget zu erhöhen, der*die weist einen durchschnittlichen Gesamtaufwand von 48 Stunden pro Woche auf. Im Vergleich dazu haben Studierende, die nicht erwerbstätig sind, einen Aufwand von 34 Wochenstunden. Es liegt also nahe, dass arbeitende Studierende länger brauchen, um ihr Studium abzuschließen. Hinzu kommen die teils starren Curricula und Voraussetzungsketten im Studium, die die Vereinbarkeit von Studium und Erwerbstätigkeit weiter einschränken. Über die Hälfte der erwerbstätigen Studierenden in Österreich gibt auch selbst an, dass dies für sie schwierig ist.

Studiengebühren trotz Job: Die türkis-grüne Mittelschicht-Steuer

Wer aber arbeitet, einen höheren Gesamtaufwand hat und eine für die Gesellschaft wichtige Funktion in der Arbeitswelt erfüllt, aber „zu lange“ braucht, um abzuschließen, der*die muss dafür bezahlen. Seit 2021 fällt nach der Überschreitung von höchstens einem Studienjahr für Österreicher*innen und EU-Bürger*innen eine Studiengebühr in Höhe von 363,36 pro Semester an, Studierende aus Drittstaaten bezahlen grundsätzlich 727,72 Euro.

In der Pandemie wurde besonders deutlich, was passieren kann, wenn arbeitende Studierende ihre Jobs verlieren. Personen, die ein Einkommen bis zur Geringfügigkeitsgrenze von 475,86 Euro monatlich erwirtschaften, haben keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Wenn diese Einkommen wegbrechen, kann die Bezahlung der Miete und sämtlicher anderer Ausgaben – und somit auch eine Weiterführung des Studiums – unmöglich werden.

Türkis-grüne Regierung gefährdet den freien Hochschulzugang

Jene, die auch neben dem Studium einen wertvollen Teil zur Gesellschaft beitragen und allgemein einen höheren Gesamtaufwand haben, sollten nicht bestraft, sondern entlastet werden. Wenn es Chancengerechtigkeit in Österreich geben soll, muss eine neue politische Richtung eingeschlagen werden, die die türkis-grünen Rückschritte der näheren Vergangenheit wieder aufholt. Eine Richtung, die es allen, die wollen, ermöglicht ohne Existenzängste studieren zu können – und nicht nur denen, die es sich ohnehin leisten können.

Eine Möglichkeit für erwerbstätige Studierende, sich von den Studiengebühren befreien zu können ist dringend wieder nötig, um Personen, deren Eltern keine Akademiker*innen sind, den Zugang zur Hochschule zu erleichtern.”

Lara Simonitsch, erste stellvertretende Vorsitzende der ÖH Uni Salzburg (VSStÖ)

Die von der türkis-grünen Bundesregierung durchgeführten Reformen zeigen die klare Tendenz auf, den Hochschulzugang wieder zunehmend unzugänglicher zu machen. Oder besser gesagt: Jene, die es sich nicht leisten können, sollen nicht studieren. Und wenn sie es doch tun, dann bitte nur, um möglichst schnell auf dem Arbeitsmarkt verwertbar zu sein.

Titelbild:@karolina-grabowska/Pexels

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