Politik

15 Minuten, um zu überzeugen

posted by Andreas Eisl 22. April 2017 0 comments

Andreas Eisl berichtet für Hallo Salzburg vom (Vor)-Wahlkampf um die Präsidentschaft in Frankreich. In der bisherigen Beitragsserie hat er bereits folgende Themen beleuchtet:
1. Die Zersplitterung des linken Lagers
2. Das Politische System Frankreichs
3. Die Macht des Präsidenten in der 5. Republik

4. Die französischen Präsidenten seit De Gaulles
5. Die französischen Präsidenten und ihre Denkmäler
6. Wird aus dem Zweikampf noch ein Vierkampf?


Keine Fernsehdebatte – Aber 15 Minuten, um zu überzeugen

Donnerstagabend hätte die letzte TV-Debatte vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl stattfinden sollen. Nachdem sich jedoch mehrere Kandidat_innen weigerten, an der vom öffentlichen Fernsehsender France 2 geplanten Diskussionveranstaltung teilzunehmen, entschied der Sender kurzerhand, das Format zu ändern und stattdessen alle elf Kandidat_innen in einer Marathonveranstaltung jeweils fünfzehn Minuten zu interviewen.

Zähneknirschend mussten vor allem die Außenseiter_innen für das Präsidentschaftsamt dies hinnehmen. Gaullist Nicolas Dupont-Aignan echauffierte sich nach Bekanntwerden der Abwandlung des Debattenformats über die Verachtung der „großen Kandidat_innen“ gegenüber dem französischen Volk und einer demokratischen Diskussion. Seine Kritik wurde während der Interviewreihe von anderen Kandidat_innen fortgesetzt.

Die von France 2 gewählte Notlösung erwies sich schlussendlich zwar als äußerst lange (beinahe vier Stunden ohne jegliche Pause), gab jedoch einen interessanteren Einblick in das Programm und die Sichtweisen der einzelnen Kandidat_innen, als es eine weitere TV-Debatte vielleicht getan hätten.

Es wurde detailliert auf die zentralen Punkte der einzelnen Kampagnen eingegangen. Seitenhiebe auf andere Kandidat_innen gab es dabei nur selten und auch dann nur auf subtile Art und Weise.

Das Los entschied über die Reihenfolge der Gespräche, die um 20 Uhr mit Jean-Luc Mélenchon begannen und gegen 23 Uhr mit François Fillon ihren Abschluss fanden. Den besten Platz bekam der Sozialist Benoît Hamon zugelost, der um 21 Uhr seinen Auftritt hatte, was der französischen Prime Time im Fernsehen entspricht.

Die Gespräche wurden von David Pujadas (France 2) und Léa Salamé (Radiosender France Inter) moderiert. Alle Interviews enthielten ein Set aus festgelegten und offenen Elementen, die teilweise für überraschende Einblicke sorgten, die in den stark durchchoreographierten TV-Debatten zumeist ausbleiben. Natürlich nutzten auch hier einige Kandidat_innen die Möglichkeit, die von ihnen prominent diskutierten Themen auf der emotionalen Ebene anzusprechen.

Dekoration für das Präsidentschaftsbüro – Die Gespräche im Überblick.

Alle Präsidentschaftskandidat_innen waren aufgerufen, einen Gegenstand in die Sendung mitzunehmen, den sie in den Elysee-Palast mitnehmen würden, falls sie die Wahl für sich entscheiden sollten.

Die Mitbringsel reichten von einer Uhr (Mélenchon: Es ist Zeit für einen Wandel in Frankreich), einem Foto des „black pride“ Protests bei den Olympischen Spielen 1968 (Artaud: Der Kampf für eine bessere Welt hört nie auf), einem Schlüssel (Le Pen: Ein Symbol dafür, den Franzosen den Schlüssel zum „Haus Frankreich“ zurückzugeben, einem Olivenzweig (Asselineau: Als Friedenssymbol), die französische Version der e-Card (Hamon: Als Symbol für den gefährdeten französischen Sozialstaat, eine Skulptur (Dupont-Aignan: Ein Geschenk, das mir zeigt, dass es sich lohnt, für eine bessere Welt zu kämpfen), eine Flagge von Französisch-Guyana (Poutou: Ein Symbol für den Kampf der Arbeiter_innen für bessere Bedingungen), ein „grammaire“ (Macron: Mit diesem Buch habe ich die französische Sprache und Kultur erlernt), Faustkeilen (Cheminade: Als Zeichen für den Beginn der menschlichen Kultur), über zwei parlamentarische Berichte (Lassalle: Die sollte man gelesen haben), bis hin zu Nichts (Fillon: Ich bin kein Fetischist).

Nach den Eingangsstatements der Kandidat_innen stellten die beiden Moderator_innen Fragen zu zentralen Wahlversprechen. Sie versuchten dabei, mögliche Ungereimtheiten oder Schwachstellen in den Wahlprogrammen aufzudecken. Danach gab es eine sogenannte „carte blanche“ für die Kandidat_innen, sie durften also für ein paar Minuten über ein selbstgewähltes Thema sprechen.

Anschließend gab es weitere Fragen zur Wirtschafts-, Innen-, Sicherheits- und Außenpolitik (je nach bereits behandelten Themen). Kurz vor Ende wurde den Kandidat_innen ein Foto aus deren Jugend präsentiert, die von einer persönlichen Frage begleitet wurde. Zumeist ging es dabei um den persönlichen Werdegang der Präsidentschaftsanwärter_innen. Die Antworten fielen in diesem Gesprächsblock deutlich weniger geskriptet aus, als in den anderen Blöcken und konnte von den Meisten für Sympathiepunkte genutzt werden.

Die letzte Frage: „Gibt es etwas, was Sie an ihrer Wahlkampagne bereuen?“ wirkte hingegen im Kontext der Gespräche etwas deplatziert und wurde von den meisten Kandidat_innen nur dazu genutzt, die Zufriedenheit über ihren Wahlkampf auszudrücken.

Frankreich und der Terror – ein Anschlag überschattet das Fernsehprogramm

Gegen 21 Uhr, während sich die Interviewreihe in vollem Gange befand, attackierte ein „fiche S“ (der französische Begriff für amtsbekannte potentielle Terroristen) Polizist_innen auf dem bekannten Boulevard Champs-Elysee. Ein Polizist wird getötet, zwei weitere und  ein Tourist werden verletzt. Ein Angreifer wird getötet, ein möglicher weiterer wird weiter gesucht.

Die Informationen über die Ereignisse sickerten in das Fernsehstudio durch und wurden dann zu einem bestimmenden Thema des Abends. Alle der Kandidat_innen sprachen ihr Beileid aus und riefen Frankreich zur Einigkeit auf. Die Eingangsstatements wurden zu staatsmännischen Reden der Präsidentschaftsanwärter_innen. Speziell der Konservative Fillon nutzte den Vorfall dazu, fast seine gesamte Redezeit auf die Sicherheitsthematik zu fokussieren.

Nach Abschluss der Einzelgespräche durften sich alle elf Kandidat_innen noch einmal nacheinander für jeweils zwei Minuten 30 Sekunden dem französischen Wahlvolk präsentieren. Die wichtigen Abschlussworte, die von den Wahlkampfteams akribisch geplant und eingeübt werden, wurden von den meisten der Präsidentschaftsanwärter_innen über Bord geworfen und durch großteils improvisierte Worte ersetzt. So tüftelte Marine Le Pen, die als Letzte an die Reihe kommen sollte (es gab einen erneuten Losentscheid über die Reihenfolge), während den Diskursen der anderen noch sichtlich an ihren Notizen. Dramaturgisch passte der Anschlag perfekt zur Wahlkampagne der Rechtspopulistin, die ihre Linie geschlossener Grenzen ein weiteres Mal bestätigt sah.

Fazit des Abends – Fazit des Präsidentschaftswahlkampfs

Die Gesprächsreihe blieb inhaltlich ohne große Überraschungen. Dies war auch einer der Gründe gewesen, warum speziell die aussichtsreicheren Präsidentschaftsanwärter_innen wenig Lust hatten, sich einer direkten Debatte zu stellen. Der Anschlag in Paris sorgte jedoch für einen Wendepunkt des Abends, der große Teile der Gespräche dominierte. Linksaußen-Politiker Mélenchon, der während des Wahlkampfs und den beiden TV-Debatten durch markige Sprüche und eine klare Linie rasch wachsenden Zuspruch finden konnte, zeigte sich auch im Interviewformat überzeugend.

Hamon, der Kandidat der Sozialist_innen, konnte im direkten Gespräch seine Positionen besser zur Geltung bringen als in den Debatten. Dort blieb er zumeist blass und im Hintergrund. Letzten Umfragen zu Folge wird es jedoch wahrscheinlich trotzdem ein Debakel im einstelligen Bereich werden.

Le Pen und Macron lieferten üblich souveräne Vorstellungen ab, die jedoch nicht besonders hervorragten (beide wollten nicht mehr übermäßig anecken). Fillon schließlich sprach kaum über sein Wirtschaftsprogramm, sondern setzte alles auf die Sicherheitskarte.

Während die Abstände zwischen Macron, Le Pen, Mélenchon und Fillon während der letzten Wochen deutlich geschrumpft sind und es für jede_n möglich erscheint, in die Stichwahl einzuziehen, gehe ich in meiner persönlichen Einschätzung dennoch davon aus, dass in zwei Wochen der liberale Macron und die protektionistische Le Pen einander gegenüberstehen werden.


Foto: VPE

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